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Über Kunst reden und Suppe essen

Prof. Kerstin Gottschalk, Leiterin des Schwerpunkts Malerei und Grafik am Institut für Kunstpädagogik, über eine ungewöhnliche Veranstaltungsreihe

 

UniReport: Frau Gottschalk, wie würden Sie den Ablauf eines Abends unter dem Motto „Eine Suppe mit …“ jemandem beschreiben, der noch nicht dabei gewesen ist?

Kerstin Gottschalk: Den Veranstaltungsabenden geht immer eine gemeinsame Vorbereitungsphase mit den Studierenden voraus. Eines der Ateliers wird für den Gast und die Zuhörenden umgebaut und ab Nachmittag kocht die Kochgruppe in der Regel eine Suppe für 50 bis 60 Personen auf dem von uns dafür gebauten Kochwagen. Unser Gast beginnt den Abend in der Regel mit einem etwa 30-minütigen Impulsvortrag über die eigene künstlerische, kuratorische oder wissenschaftliche Arbeit. Anschließend essen wir gemeinsam die Suppe. Hier entstehen auch schon die ersten informellen Gespräche untereinander. Nach dem Essen werden die Stuhlreihen aufgelöst und zu einem Kreis gestellt, damit wir uns entspannt unterhalten können. Jetzt können alle Zuhörenden Fragen an unseren Gast stellen.  Die Erfahrung hat uns gelehrt, eine Person mit der Aufgabe der Gesprächsmoderation zu beauftragen und auch die Redezeit der Fragenden zu begrenzen. So können alle, die wollen, sich an der Diskussion beteiligen. Die Gesprächsatmosphäre respektvoll, zugewandt und kritisch.  Das Gespräch, also der Austausch, ist der zeitlich gesehen größte Teil des Abends. Wir diskutieren und sprechen in der Regel eine gute Stunde miteinander. Der Abend schließt dann mit einem großen Dank in alle Richtungen und dem gemeinsamen Aufräumen. Das klappt immer erstaunlich gut!

 

Wie ist das Format entstanden, gab es dafür Vorläufer (auch am Institut)?

Künstler*innengespräche finden als Begleitprogramm an Kunsthochschulen statt. Dort habe ich das Format als Studentin damals kennengelernt. Ebenso ist das Künstler:innengespräch an Kulturinstitutionen und Museen obligatorisch. Hier werden vor allem Künstler:innen aus dem internationalen Kunstbetrieb eingeladen, die dann oft vor großen Podien sprechen. Mich interessierte jedoch schon immer der Austausch auf einer intimeren und informelleren Ebene. Als Studierende fehlte mir zudem eine Kontinuität dieser Vielstimmigkeit von Positionen und Sichtweisen auf Kunst und Gesellschaft.

Als ich dann selbst für das Fach Kunst berufen wurde, nahm ich mir vor, mit dafür zu sorgen, dass Studierende vielfältige Sichtweisen auf Kunst aus einer gewissen Nähe kennenlernen und diese auch mit ihren Fragen befragen können. Ebenso wollte ich eine Möglichkeit der Vernetzung und Netzwerkarbeit im Studium ermöglichen. Damit habe ich „dazwischengefragt“ als kontinuierliche Veranstaltungsreihe etabliert und dankenswerterweise bislang dafür aus unterschiedlichen Töpfen Fördermittel der Goethe-Uni erhalten.

 

Haben die Teilnehmenden, vor allem die Studierenden, damit am Anfang etwas gefremdelt?

Da müssten Sie eigentlich die Alumni fragen! Ich würde sagen: ja und nein. Ich hatte den Eindruck, dass das Suppenkochen in dieser Größenordnung erst einmal eine Herausforderung war, aber dann zugleich auch ein Glück. Es war eben eine tolle Erfahrung zu erkennen, was alles möglich ist und über welche Fähigkeiten jeder und jede so verfügt! Das ist für die aktuell Studierenden und damit Kochenden immer noch wichtig. War es für mich selber übriges auch! Den ersten wirklich großen Topf Suppe zu kochen, ist einfach ein Erlebnis und diese Erfahrung ist direkt auch in die künstlerische Praxis übertragbar. Ebenso sammelten wir bei den ersten „Dazwischengefragt“-Abenden wichtige Erfahrungswerte für eine konzentrierte, wertschätzende und kritische Diskussionsrunde. Wie ich oben schon sagte, wird zum Beispiel die Redezeit der Zuhörenden auf eine Minute begrenzt. Genauso wichtig ist der Umbau der Stuhlreihen für das Gespräch. Das sind eben Erfahrungswerte aus den Anfängen.

 

Oder traf das genau den Nerv der heutigen Zeit – auch hinsichtlich der Beliebtheit von Eintöpfen und Suppen?

Die Suppen waren von Anfang an sehr lecker. Ich habe mir die Frage bisher nicht gestellt: Ich kann nur sagen, dass die Studierenden am Institut für Kunstpädagogik super sind im Suppekochen und die Gerichte erstaunlich international sind. Es wird vegan und glutenfrei gekocht, damit möglichst alle, die wollen, mitessen können. Die Suppenrezepte im Buch sind gut zu kochen und schmecken!

 

Die Fragen im Buch wurden den Beteiligten im Nachhinein gestellt? Es sind teilweise viele verschiedene Fragen, aber auch oft nur eine …

Ja, ich hatte den Gästen einen Fragenkatalog geschickt, den ich erstellt hatte, und auch gesagt, dass es nur ein Angebot ist, auf meine Fragen einzugehen. Entsprechend unterschiedlich sind alle Personen im Buch damit umgegangen. Einige Gäste haben einen komplett eigenen Text geschrieben, manche ein paar Fragen beantwortet und manche eben nur eine Frage. Auch hier finde ich die Unterschiedlichkeit interessant und zeigt verschiedene Herangehensweisen.

 

Wenn Sie quasi „von oben“ auf die bisherige Veranstaltungsreihe und vor allem auf das Buch blicken: Was fällt Ihnen persönlich besonders ein, was hat Sie am meisten beeindruckt (oder Sie nennen einfach ein paar Beispiele)? 

Ich staune irgendwie doch selbst immer wieder über die Kontinuität der Reihe und darüber, dass inzwischen schon eine beachtliche Anzahl von Studierenden diese Reihe kennengelernt hat und Suppe in so einem Setting kochen kann! Genauso freut es mich, dass sich die Gäste von „dazwischengefragt” auf das Buchprojekt eingelassen haben. Die Veranstaltungsreihe ist in vielerlei Hinsicht immer wieder ein Grund zur Freude. Es findet ein Fachaustausch auf hohem Niveau statt, der gleichzeitig von sehr schöner Gastfreundschaft und treuen Zuhörern geprägt ist. Neben den Studierenden kommen auch regelmäßig Kolleg*innen aus dem Institut und der Goethe-Uni zu „dazwischengefragt“. Die Veranstaltung biete ich universitätsweit an und wir freuen uns immer wieder, wenn sie den Austausch zwischen den Disziplinen  mit weiterentwickelt und stärkt.

 

Das Format „Eine Suppe mit…“ atmet ja den Geist des Nicht-Hierarchischen und Ergebnisoffenen: Könnten Sie sich das auch in anderen universitären Fächern vorstellen, vielleicht auch inter- und transdisziplinär?

Ja, sogar sehr. Aus dieser Haltung heraus gab es schon das eine oder andere interdisziplinäre Projekt oder einen Institutsbesuch in anderen Fächern. Der Austausch zwischen Studierenden und auch zwischen den Dozierenden war ebenfalls von dem, was „dazwischengefragt“ entstehen lässt, getragen.


Fragen: Dirk Frank

Buchcover "dazwischen gefragt – Eine Suppe mit …"

Institut für Kunstpädagogik