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Übersetzung als Dichtung

Eva Schestag (m.) im Gespräch mit Prof. Frederike Middelhoff (r.) und Prof. Judith Kasper (l.).

Die Literaturwissenschaftlerinnen Frederike Middelhoff und Judith Kasper über die Schoeller-Dozentur 
mit Eva Schestag

Die in Gedenken an die Verlegerin und Förderin von Literatur und Übersetzung Monika Schoeller in Frankfurt am Main eingerichtete Dozentur, die dem Feld der literarischen Übersetzung gewidmet ist, wurde im Wintersemester 2025/26 zum zweiten Mal durchgeführt. Die renommierte Übersetzerin und Sinologin Eva Schestag hielt im Rahmen des von Frederike Middelhoff und Judith Kasper organisierten Begleitseminars „Chinesische Dichtung westwärts“ zwei ganztägige Workshops ab, außerdem hielt sie einen öffentlichen Vortrag und schloss die Dozentur mit einer interaktiven Lesung.


UniReport: Frau Middelhoff, Frau Kasper, wie lautet Ihr Resümee, wie sind Seminar und Vorträge von und mit Eva Schestag bei den Studierenden, aber natürlich auch bei den vielen Gästen angekommen? Und wo sehen Sie Unterschiede zur letzt-jährigen Dozentur von Ulana Wolf?


Frederike Middelhoff: Bei der Lyrikerin und Übersetzerin Uljana Wolf hatte man im vergangenen Jahr zur ersten Dozentur Personen gewinnen können, die selber auch Lyriker*innen sind, die das Thema Übersetzen zwar beschäftigt, die sich aber vor allem auch für experimentelle Gegenwartslyrik interessieren. Das war jetzt bei Eva Schestag etwas anders. Das Übersetzen aus dem Chinesischen, so meine erste Befürchtung, könnte sowohl Studierende als auch externe Interessierte, die keine Kenntnisse der chinesischen Sprache besitzen, vielleicht abschrecken – doch das hat sich überhaupt nicht bewahrheitet. Und es kamen darüber hinaus auch sehr viele sinologisch ausgebildete Leute zusammen. Unter den externen Interessierten und den Studierenden im Seminar waren aber auch viele, die bereits letztes Jahr schon begeistert an den Veranstaltungen der Schoeller-Dozentur teilgenommen hatten. Quantitativ habe ich jedenfalls gar keinen Schwund bemerkt, obwohl sich der Fokus natürlich stark verändert hat. Zunächst gab es schon so etwas wie eine Fremdheitserfahrung im Seminargeschehen, nicht nur bei Studierenden, sondern auch bei uns Dozierenden. Judith Kasper und ich können kein Chinesisch. Wir hatten auch gegenüber allen Teilnehmenden klar kommuniziert, dass Chinesisch-Kenntnisse keine Voraussetzung für die Teilnahme sind. Aber wir waren dann im Vorfeld natürlich schon ein bisschen nervös. Im gemeinsamen Austausch über die Texte und ihre Übersetzung war es dann allerdings sehr, sehr anregend. Und auch die Resonanz der Studierenden sowie das Feedback der externen Teilnehmenden zu den Workshops und zur Vorlesung haben gezeigt, dass alle sehr beeindruckt waren und sehr viel gelernt haben. Wir haben uns in Begleitung von Eva Schestag ganz neue Horizonte eröffnet, viel über transnationale Verflechtungen chinesischer Lyrik und auch über die Verbreitung der buddhistischen Philosophie durch die Übersetzung dieser lyrischen Texte in Europa gelernt. 
Judith Kasper: Der interessante und herausfordernde Aspekt war für uns beide, ein wissenschaftliches Begleitseminar zu geben in einem Bereich, in dem wir nicht wirklich Expertinnen sind. Wir haben beide Expertise in Übersetzungstheorie, das war sicherlich ein zentraler Aspekt des Seminars. Aber die Erfahrung zeigt auch, dass man über die Auseinandersetzung mit einem kleinen Gedicht, das nur aus vier Versen besteht, einen ungeahnt tiefgehenden Einblick in die Tiefe der Struktur einer Sprache erhalten kann. Es ist schon unglaublich, was ein kleiner verdichteter Text in Bewegung setzen kann – der damit in gewisser Weise als Kulturbotschafter fungiert. Im letzten Workshop haben wir uns den ganzen Nachmittag lang nur mit vier bis fünf Zeilen eines Textes auseinandergesetzt – ein ganz erstaunlicher Effekt. Es liegt vielleicht daran, dass wir in einer Welt mit einer Vielzahl an Informationen leben, die wir ständig verarbeiten müssen. Und dann öffnet sich plötzlich dieser weite Raum durch einen so kleinen Gegenstand. Eva Schestag hat uns dazu angeleitet. Sie hat als Übersetzerin eine große Expertise, gleichzeitig ist sie aber auch eine Künstlerin. Sie öffnet einem dadurch Möglichkeitsräume, ohne dass es beliebig wird.


Hat vielleicht gerade die Fremdartigkeit, das »Exotische« chinesischer Lyrik dazu geführt, dass die Teilnehmenden des Seminars und der Vorlesung die künstlerische Seite des Übersetzens umso stärker erlebt und wahrgenommen haben? 


Kasper: allem die Lyrik war dafür ungeheuer wichtig. Es waren kleine Texte, zu denen jeder und jede auch recht schnell etwas basteln konnte auf der Grundlage von Interlinearübersetzungen, also Wort-für-Wort-Übersetzungen. Eva hat uns klargemacht, dass jedes einzelne Zeichen über eine unglaubliche semantische Breite verfügt. Wenn man die Interlinearübersetzung hat, fängt die eigentliche Arbeit aber erst an. Vor allem steht dann die Frage im Raum: Was will man mit der Übersetzung erreichen? Will man eine bestimmte Bedeutung, die Form oder ein Klanggebilde wiedergeben? Soll die eigene Sprache durch die Begegnung mit der fremden Sprache verfremdet werden? Da gibt es viele verschiedene Ansätze. 
Middelhoff: In den praktischen Übungen haben wir uns zuerst mit den jeweiligen historischen Kontexten eines bestimmten chinesischen Textes beschäftigt. Dann haben wir uns den chinesischen Schriftzeichen zugewendet, die Interlinearübersetzung angeschaut und anschließend versucht, die deutschen Begriffe mit den chinesischen Schriftzeichen in Verbindung zu setzen. Danach haben wir daraus eigene Übersetzungen gebastelt und uns schließlich darüber ausgetauscht, welche Überlegungen und Strategien für unsere jeweilige Übersetzungsversion maßgeblich waren. Wir freuen uns sehr, dass wir auch dieses Mal wieder, wie bereits im Rahmen der Dozentur von Uljana Wolf, einen kleinen Beitrag der Studierenden in der Zeitschrift Übersetzen publizieren können. Ausgangspunkt des Beitrags bildet ein im ersten Workshop mit Eva Schestag übersetztes vierzeiliges Gedicht von Han Shan, der mutmaßlich um das Jahr 800 im Tiantai-Gebirge lebte.


Ist bei einigen Teilnehmenden Ihres Seminars der Wunsch entstanden, nun Chinesisch zu lernen?

 
Middelhoff: Das können wir im Einzelnen nicht beantworten. Was aber sicherlich geweckt wurde, ist das Interesse, sich mit der chinesischen Sprache auseinanderzusetzen. Man hat das beispielsweise auch bei der öffentlichen Lesung im Holzhausenschlösschen gemerkt, als der Wunsch geäußert wurde, dass Eva Schestag ein längeres chinesisches Gedicht im Original und nicht nur in der deutschen Übersetzung vorträgt. Und dann passiert auch etwas im Raum, wenn man gemeinsam die Sprache mit ihrem eigenen Klang aufnehmen und auf sich wirken lassen kann. 
Kasper: Es gab noch andere überraschende Erkenntnisse. Zentrale Entdeckung für uns durch Vorlesung und Seminar von Eva Schestag war zum einen die Rezeption der chinesischen Lyrik in der westlichen Moderne. Das lief im Wesentlichen über Dichterinnen und Dichter, die fasziniert waren von diesen Textgebilden, aber gar nicht unbedingt der chinesischen Sprache mächtig waren und sich über andere schon vorhandene Übersetzungen diesem Material genähert haben. Sie haben dann eher aus einer Intuition heraus eigene Übersetzungen angefertigt, was aber im Nachhinein von Sinolog*innen sehr häufig als eine sehr treffende Übersetzung eingeschätzt worden ist. Es war also nicht unbedingt die philologische Sachkenntnis, die zu einer gelungenen Übersetzung führte. Es ist vielmehr ein poetischer Prozess. Zum anderen ist die Entdeckung, wie stark bestimmte Texte des 20. Jahrhunderts, von Autoren wie Bertolt Brecht oder Ezra Pound, der Beatnikbewegung und noch weitere imprägniert sind von der Auseinandersetzung mit chinesischer Dichtung, und das hat auch für mich noch einmal ein neues Licht auf den Kanon der westlichen Literatur geworfen.


Eva Schestag hat auf der Abschlusslesung dafür plädiert, das Übersetzen viel weiter zu fassen als das rein instrumentelle Übersetzen von der einen in die andere Sprache. Sie sagte auch, wer Gerüche oder Vogelstimmen beschreibe, leiste damit auch schon eine Form des Übersetzens.


Kasper: Alle Sinne sind beim Prozess des Übersetzens beteiligt. Worte werden gewendet, von verschiedenen Seiten betrachtet, fast schon beschnuppert und betastet. Es handelt sich also gar nicht immer nur um geistige Prozesse. 
Middelhoff: Aus der hochgradig sinnlichen Annäherung entsteht dann ein Bild. Dass sich ein solches Bild einstellt, ist für Eva Schestag entscheidend. Aber es ist nicht einfach da, nur weil man einen Inhalt von A nach B transferiert, gerade beim Chinesischen. Es stellt sich erst ein, wenn man die sprachlichen Zeichen, den Klang der Worte und ihre Bedeutungsvielfalt mit allen Sinnen hinreichend gedreht und gewendet hat, wie ein materiales Kunstwerk eben, das man mit von allen Seiten bestaunen und mit allen Sinnen erfassen will. 


Zur Schoeller-Dozentur ganz allgemein: Wie gehen Sie in Ihrer Konzeption vor, wird versucht, die Spielarten des Übersetzens abzudecken oder werden einfach ausgedrückt interessante Übersetzer*innen eingeladen? 


Middelhoff: Professor Anne Bohnenkamp-Renken und die S. Fischer Stiftung nahmen damals Novalis’ berühmte Aussage, dass am Ende jede Übersetzung Poesie sei, als Ausgangspunkt für die Konzeption der Dozentur. Die Schnittflächen von Übersetzung und Dichtung sollten im Zentrum der Dozentur stehen. Das hat, wie gesagt, auch bei Eva Schestag sehr gut funktioniert. Bei der Besetzung der Dozentur steht natürlich immer auch die Frage im Raum: Wer ist gerade interessant, wen wollte man immer schon einmal zum Thema literarische Übersetzung sprechen hören? Mit wem würde man gern zusammenarbeiten? Die Kandidatin für die nächste Dozentur steht schon fest, es ist die Übersetzerin und Lyrikerin Dagmara Kraus, die aus dem Polnischen und dem Amerikanischen übersetzt. Passend dazu ist im Freien Deutschen Hochstift für das Jahr 2027 auch eine Ausstellung zur polnischen Romantik geplant. 
Kasper: Ich denke, dass im Rahmen der Schoeller-Dozentur vor allem sehr viele unterschiedliche Sprachen zum Tragen kommen sollten. Man kommt darüber auch mit vielen sprachsensiblen und politischen Fragen in Berührung. Das Konzept der World Literature umfasst hauptsächlich Literatur, die für den anglophon orientierten Weltmarkt geschrieben ist. Die Texte in den einzelnen Sprachen sind oft sogar in Hinblick auf ihre Übersetzbarkeit in Englische geschrieben, damit sie funktionieren können. Das ist eine Tendenz, die wir als Literaturwissenschaftlerinnen eher als Verarmung erleben. Wir interessieren uns mehr für „komplizierte“ Texte, die vielleicht sogar eine Unmöglichkeit für die Kunst des Übersetzens darstellen. Sich an dieser Unmöglichkeit abzuarbeiten, setzt aber sehr viele kreative Prozesse in Gang. 

Büro für PR und Kommunikation

Dr. Dirk Frank

Dr. Dirk Frank

Stellv. Pressesprecher

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