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Provenienzforschung als Lehrprojekt: Studierende erforschen Kulturgut und seine Herkunft

Zwei Lehrforschungsprojekte im Sommersemester 2025 haben Studierenden die Möglichkeit eröffnet, sich praxisnah mit Provenienzforschung zu befassen. Im Fokus stand im einen Fall die ethnografische Sammlung im Landesmuseum Darmstadt, im anderen ging es um den Umgang mit alten Handschriften und die Dokumentation derer, die im modernen Handel angeboten werden.

Provenienzforschung gewinnt in Museen und Sammlungen zunehmend an Bedeutung. Sie untersucht die Herkunft von Objekten und klärt, ob diese rechtmäßig, unter fragwürdigen Umständen oder illegal erworben wurden. Zugleich stellt sie Fragen nach einem verantwortungsvollen Umgang mit kulturellen und sakralen Gütern sowie nach möglichen Rückgaben an Herkunftsgesellschaften.

Im Sommersemester 2025 wurden durch zentrale QSL-Mittel zwei Lehrforschungsprojekte ermöglicht, die sich an Studierende der Religions- und Geschichtswissenschaften sowie der Ethnologie und Sozial- und Kulturanthropologie richteten. Die Projekte verbanden Forschung, Lehre und gesellschaftliche Verantwortung und machten zentrale Fragen der Provenienzforschung zum Gegenstand akademischer Ausbildung: Wie lassen sich lückenhafte Provenienzen rekonstruieren? Wer entscheidet über Aufbewahrung oder Rückgabe? Und welche Rolle spielen digitale Reproduktionen beim Schutz kulturellen Erbes?

Die Arbeit mit Objekten, Handschriften und digitalen Quellen eröffnete den Studierenden neue Perspektiven auf kulturelle Identität. Dabei wurde deutlich, dass kulturelles Erbe kein abstrakter Begriff ist, sondern Teil konkreter historischer Zusammenhänge, die es zu erforschen und verantwortungsvoll zu vermitteln gilt.

Charlotte Häger betrachtet einen Federkopfschmuck aus Kamerun.

Charlotte Häger betrachtet einen Federkopfschmuck aus Kamerun.

Markus Lindner

Curriculum Culturae: Kulturgut und dessen Schutz

Im Projekt „Curriculum Culturae“ (2025–2027) unter Leitung von Nadine Löhr (Fachbereich Evangelische Religionswissenschaft) steht die Frage im Zentrum, wie der reflektierte Umgang mit Manuskripten stärker in die Lehre integriert werden kann. Obwohl Handschriften in vielen Disziplinen zentrale Forschungsgegenstände sind, fehlt es häufig an systematischer Ausbildung im praktischen und ethischen Umgang mit ihnen. Gleichzeitig besteht seitens der Studierenden ein wachsendes Interesse an entsprechenden Kompetenzen und an aktuellen Debatten zur Provenienz.

Im Rahmen des Projekts wird ein digitaler „Werkzeugkasten“ entwickelt, der Leitfäden, Richtlinien und Hilfsmittel für die Arbeit mit Manuskripten bündelt. Ergänzt wird dieses Angebot durch Lehrvideos, Tutorials sowie eine Handreichung für wissenschaftliche Arbeiten. Ziel ist es, den Zugang zu Handschriften zu erleichtern und den Umgang mit ihnen nachhaltig in verschiedenen Studiengängen zu verankern.

Ein weiterer Schwerpunkt des Projekts liegt auf dem Ausbau einer Datenbank zu arabischen, persischen und osmanischen Handschriften im modernen Handel. So konnten die Studierenden selbst forschend tätig werden und zugleich ein Bewusstsein für die Dynamiken und Risiken des Kulturguthandels entwickeln. Digitale Plattformen bieten neue Möglichkeiten, wertvolle Objekte oft unauffällig anzubieten, politische Krisen und Migration verschärfen die Problematik zusätzlich. Die Dokumentation solcher Angebote ist besonders wichtig, weil die Anzeigen häufig schnell wieder aus dem Netz verschwinden. „Die schiere Menge an wertvollen historischen Handschriften, die in den Handel gelangt und undokumentiert bleibt, ist erschreckend“, sagt Projektleiterin Nadine Löhr. Das Spektrum der Anbieter reicht von renommierten Auktionshäusern bis zu anonymen Verkaufsplattformen. Neben der Frage nach der Legalität steht dabei vor allem die Sicherung von Informationen über die Objekte im Vordergrund.

Den Studierenden wurde klar, dass auch Fälschungen angeboten werden: Vermeintlich antike Handschriften waren häufig mit erfundenen Datierungen oder uneinheitlichen Schriftstilen versehen. Für diese Feststellung sind paläografische Kenntnisse und eine sorgfältige Recherche unabdingbar.

 

Studentische Forschungsfragen an eine kaum bekannte Sammlung

Das zweite Projekt „Chancen und Probleme der ethnologischen Provenienzforschung“ entstand in Kooperation zwischen Markus Lindner (Institut für Ethnologie) und 
Sylvia Kasprycki (Provenienzforschung Ethnologie, Hessiches Landesmuseum Darmstadt). „Provenienzforschung an Museen ist aktuell eines der großen Arbeitsfelder für Ethnologen, aber auch Absolventinnen und Absolventen anderer Fächer. An der Uni ist sie allerdings bestenfalls in der Theorie Teil der Lehre“, erklärt Markus Lindner die Projektidee. Studierende aus Ethnologie, Sozial- und Kulturanthropologie, aus den Curatorial Studies und der Kunstgeschichte erhielten die Möglichkeit, mit einer bislang nicht ausgestellten ethnografischen Sammlung zu arbeiten, die zum Teil einmalige Objekte aus einem Zeitraum vom 18. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts und aus fast allen Teilen der Welt umfasst, und eigene Forschungsfragen zu entwickeln. Bei vielen der Objekte konnte ein kolonialer Sammlungskontext zunächst nicht ausgeschlossen werden.

Ein zentraler Aspekt ist die Zusammenarbeit mit Herkunftsgesellschaften. Deren Perspektiven sind für den Umgang mit kulturellem Erbe unverzichtbar und erweitern den Blick auf die Rolle westlicher Museen. Im Projekt wurde dies durch die Einbindung eines indigenen Experten aus Nordamerika erfahrbar, der für eine Woche angereist war, um am Seminar teilzunehmen.

Welchen Wert messen Museen, Besucher und Indigene dem originalen Objekt bei? Können Museen durch virtuelle Restitution (in Form von Fotos, holografischen Dateien etc.) einen Kompromiss zwischen indigenen Rückgabeforderungen und dem Erhalt des Sammlungsbestands finden? Oder sollten es die Museen sein, die sich mit Replikaten wie 3D-Projektionen oder 3D-Drucken zufriedengeben?

Im Lehrprojekt befassten sich die Studierenden jeweils mit einem Objekt aus der Darmstädter Sammlung und versuchten, dessen Geschichte zu erforschen – darunter ein Pfeifenstiel aus Nordamerika, ein Kopfschmuck aus Kamerun, ein Zeremonialpaddel aus Ozeanien. Da Herkunft und Erwerbskontext nicht bei allen Objekten bekannt waren, war der studentische Forschungsdrang gefordert. Oft kam die vergleichende Objektforschung zum Einsatz: Durch den Abgleich mit besser dokumentierten Objekten lassen sich Herkunft und Kontext eingrenzen. Dies erfordert eine genaue Analyse von Material, Herstellungstechnik und Gestaltung. „Uns war wichtig, die allgemeine postkoloniale Kritik an der westlichen Deutungshoheit historisch gesammelter Objekte und den musealen Besitzansprüchen an indigenem Kulturerbe durch spezifische zeitliche und regionale Kontexte des ‚Sammelns‘ zu ergänzen“, erklärt Markus Lindner.

Die Projekte zeigen, dass Provenienzforschung nicht nur ein relevantes Forschungsfeld, sondern auch ein gewinnbringendes Lehrformat ist. Sie verbindet wissenschaftliche Methoden mit aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen und eröffnet Studierenden die Möglichkeit, aktiv an der Erschließung und Bewahrung kulturellen Erbes mitzuwirken.

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Dr. Anke Sauter

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