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Die Angst vor der Geschichte verlieren

Ryan Lilienthal bei der Arbeit mit Jugendlichen

Konstantin Weber Hessisches Staatsarchiv Darmstadt

Deutschland verfügt mittlerweile über eine widerstandsfähigere Demokratie, und vielleicht liegt das auch an der Erinnerungskultur, die in Deutschland etabliert werden konnte.

Mit künstlerischen Methoden befasst sich der US-amerikanische Künstler, Design-Dozent und Anwalt Ryan Lilienthal mit multiperspektivischer und multidirektionaler Erinnerung an den Nationalsozialismus. Partizipation ist dabei das zentrale Stichwort in seiner Arbeit, unter anderem mit deutschen Schülerinnen und Schülern. Aus wissenschaftlicher Perspektive wird er dabei vom Lehr- und Forschungsforum „Erziehung nach Auschwitz“ unterstützt; gefördert wird sein Projekt von der Deutsch-Amerikanischen Fulbright-Kommission und der deutschen Bundesregierung.

 

Eine Familiengeschichte, die von Flucht und Vertreibung geprägt ist: Die Vorfahren des US-amerikanischen Künstlers Ryan Lilienthal stammen aus Elmshausen im Lautertal, sie wurden Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung. „Meine Eltern haben sich nach dem Krieg, nach der Übersiedlung, zwar als Neu-Amerikaner verstanden, aber Zeit ihres Lebens immer auch als Flüchtlinge. Das hat mich selbst sehr geprägt und meine erste Berufswahl beeinflusst: Ich wollte mit dem Jurastudium eine gewisse Kontinuität zu ihrer Lebensgeschichte herstellen“, sagt er. Ryan Lilienthal war 30 Jahre lang in den USA als Anwalt im Bereich Einwanderung tätig. Er vertrat Menschen mit teilweise sehr bewegten und dramatischen Lebensgeschichten und setzte sich für ihr Recht auf einen legalen Aufenthaltsstatus in den Vereinigten Staaten ein. „Ich habe meine Profession als sehr wichtig empfunden, aber meine wirkliche Berufung habe ich immer schon in der Kunst, in der Malerei gesehen“, erzählt Lilienthal.  Als er 50 wird, entscheidet er sich für einen beruflichen Neuanfang: Er studiert nochmal Design, beschäftigt sich dabei mit den Potenzialen dreidimensionaler Darstellung und der Technologie der Virtual Reality. Sein großes Interesse liegt seitdem in dem Themenkomplex Gedächtnis und Erinnerung.

 

Von anderen Erinnerungen lernen

Wie kann der Einzelne an dem Prozess der Erinnerung beteiligt werden, jenseits von abstrakt bleibenden Erinnerungsorten und -monumenten, fragt sich der Künstler. „Multi directional memory“ nennt sich ein Ansatz, von dem Lilienthal fasziniert ist: Die Theorie des multidirektionalen Gedächtnisses sucht nach einer Erklärung für die Dynamik des Erinnerns, die nicht einfach die Sichtweisen der an diesen Kämpfen beteiligten Gruppen reproduziert. „Ich möchte bei meiner Arbeit als Künstler von Menschen mit einer anderen, traumatischen Vergangenheit lernen – nicht in einer Art von Wettstreit, nach dem Motto: Wer kann auf die ‚schlimmsten‘ Erinnerungen verweisen? Ich möchte vielmehr aus Erfahrungen schöpfen, wie andere mit ihrer Vergangenheit umgehen und natürlich auch umgekehrt: Was können sie vielleicht von mir lernen, welche Mechanismen der Verarbeitung verbergen sich dahinter?“ Der Künstler hat unzählige Gespräche mit Menschen in Deutschland geführt, darunter auch mit Bewohnern des Dorfes Elmshausen. Von dort wurde seine Familie deportiert, ein älteres Ehepaar konnte sich sogar noch an seine Vorfahren erinnern. „Die alten Leute konnten kaum noch laufen, bestanden aber darauf, mich über einen sehr beschwerlichen Weg zu den Feldern zu führen, die vor der Deportation meinem Onkel gehört hatten. Nachdem wir uns bereits verabschiedet hatten, rief mir die Dame nochmal zu: ‚Wir waren damals einfach zu schwach!‘“ Das hat Lilienthal sehr beeindruckt, es hat ihn dazu gebracht, über die allgemeine Maxime, man müsse sich jederzeit gegen Unrecht zur Wehr setzen, nachzudenken. Hätte er damals gegen das Regime aufbegehrt, wäre er vielleicht auch nur ein Mitläufer gewesen? Der Amerikaner kommt an dieser Stelle auf die aktuellen Vorfälle in Minneapolis zu sprechen: „Dort wurden Menschen, die auf der Demonstration sich für andere Menschen eingesetzt haben, vom ICE erschossen.  Wenn ich mir anschaue, was auch an anderen Orten in den USA derzeit geschieht, würde ich sagen, dass Deutschland mittlerweile über eine widerstandsfähigere Demokratie verfügt, und vielleicht liegt das auch an der Erinnerungskultur, die in Deutschland etabliert werden konnte.“

Lilienthal findet es ebenso hochspannend wie auch bewegend, dass und wie heutige Flüchtlinge in Deutschland mit ihrer spezifischen Geschichte auf seine Arbeiten reagieren. Neben den Mechanismen der Erinnerung steht bei Lilienthal die Partizipation im Fokus: Die Erinnerung sollte demnach ein aktiver Prozess sein, um nachhaltig zu wirken. „Wenn man ein typisches Denkmal errichtet, schafft man vielleicht einen Ort, an dem sich Menschen von Zeit zu Zeit versammeln. Aber oft verschwindet es auch irgendwann aus dem Blickfeld. Man sieht es, aber vergisst sehr schnell das, wofür es steht, es verliert einfach seine Bedeutung. Wie kann man aber das Gedenken selbst zu einem unvergesslichen Erlebnis machen? Und wie kann die Partizipation an Erinnerungsprozessen für jeden von uns etwas Bedeutungsvolles sein, auch wenn wir aus ganz unterschiedlichen Kontexten und Voraussetzungen auf Geschichte schauen?“ 

 

Jugendliche erschaffen vielschichtige Erinnerungsstücke

Mit sechs verschiedenen Schulklassen hat Lilienthal kürzlich ein Erinnerungsprojekt realisiert, bei dem die aktive Teilnahme großgeschrieben wurde. Im Rahmen seiner eigenen Ausstellung „Prozesse der Entrechtung und Verfolgung und Tonwerk ‚Shaping Responses to National Socialism‘“ im Staatsarchiv Darmstadt, in der er seine persönliche Familiengeschichte verarbeitet hat, wurden Kunstobjekte von Schülerinnen und Schülern aus Darmstadt, Ober-Ramstadt, Elmshausen, Gadernheim, Pfungstadt und Bensheim gezeigt.

Die Schüler beschrifteten Ziegel aus Porzellanmasse mit bedeutungsvollen Begriffen, die mit einem Gefühl der Zugehörigkeit verbunden waren; diese wurden im Brenn-ofen gebrannt und anschließend zusammen mit allen anderen Schülerziegeln in ei-ner gemeinschaftlichen Erinnerungsskulptur beleuchtet. Die Schülerinnen und Schüler nutzten dafür originalgetreue Gussformen der Ziegel aus dem Tonwerk Heppenheim, wo Lilienthals Vorfahren Zwangsarbeit leisten mussten. Die aus Porzellan hergestellten, beleuchteten Ziegelsteine warfen ein besonderes Licht auf die ursprünglichen Ziegelsteine in der Installation. Einige der Jugendlichen arbeiteten sich durch zahlreiche persönliche Dokumente und Briefe der Opfer, mit dem Ziel, durch die Übertragung individueller Unterschriften Nähe zu schaffen und den Menschen ihre Identität zurückzugeben. 

„Die Zusammenarbeit mit den Jugendlichen war für mich eine großartige Erfahrung, weil sich auch gezeigt hat, dass die Beschäftigung mit Geschichte, auch mit den dunklen Kapiteln, keineswegs Spaß und Begeisterung ausschließt. Es geht nicht zuletzt auch darum, die Angst vor der Geschichte zu verlieren“, betont Lilienthal. Die Steine sind nach Ausstellungsende wieder in den Besitz der Jugendlichen gegangen, die damit jetzt zum Beispiel eine eigene Ausstellung gestalten können – „wenn sie mögen“, sagt der Künstler.

 

Wissenschaftliche Einbindung

Ryan Lilienthal ist sehr dankbar, dass das Lehr- und Forschungsforum „Erziehung nach Auschwitz“ im Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität ihn bei seinem Projekt wissenschaftlich und beratend unterstützt hat. „Susanne Thimm, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team von Professor Meseth, hat einen museumspädagogischen Hintergrund und forscht zu Architektur– und Designgeschichte – ich hingegen komme aus dem Designbereich und interessiere mich für Pädagogik. Das passte also sehr gut zusammen“, betont er.

Eine Masterstudentin der Erziehungswissenschaften, Alina Plohmann, hat das Projekt im Rahmen ihrer Abschlussarbeit empirisch beforscht und in den Horizont erziehungswissenschaftlicher Reflexion zu Erinnerungsprozessen gesetzt. „So entstand eine produktive Kooperation zwischen der Perspektive von Ryan Lilienthal und unserem Arbeitsbereich, die es ermöglicht hat, das Zusammenspiel von ästhetischen, erinnerungspolitischen und pädagogischen Momenten in Kontexten solcher Erinnerungsprojekte erziehungswissenschaftlich auszuloten“, fasst Prof. Dr. Wolfgang Meseth zusammen, der das Lehr- und Forschungsforum leitet.

Plohmanns Forschung verdeutlicht, wie sich die Schüler*innen auf die Aufgabenstellung des Projektes beziehen und welche ganz unterschiedlichen Zugangsweisen zur Erinnerung an die NS-Verbrechensgeschichte daraus resultieren. Die für Schulunterricht untypisch lange und projektförmige Beschäftigung mit dem Thema sowie das produktive Zusammenspiel von ästhetischer und lokalhistorischer Auseinandersetzung zeigen eindrücklich, wie solche Zugänge zur NS-Geschichte die Routinen schulischen Lernens aufbrechen können und somit den Schüler*innen die Möglichkeit eröffnen, eigene Perspektiven auf das Thema zu entwickeln, die sie auf kreative Weise in die Frage nach dem Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart verwickeln.

Redaktion: Dr. Dirk Frank, Pressereferent / stv. Leiter, Büro für PR & Kommunikation, Theodor-W.-Adorno-Platz 1, 60323 Frankfurt am Main, Telefon 069/798-13753, frank@pvw.uni-frankfurt.de