Jubiläumsworkshop an der Goethe-Universität
Im November 1925 gründete Richard Wilhelm (1873–1930) das China-Institut an der Goethe- Universität Frankfurt. Anlässlich seines 100-jährigen Bestehens veranstaltete das Institut am 5. und 6. Dezember 2025 unter der Leitung seines Vorsitzenden, des Sinologen Prof. Dr. Iwo Amelung, eine Tagung zum Thema »Wissensräume im Wandel: 100 Jahre China-Institut«. Die Veranstaltung verband historische Rückblicke mit aktuellen Fragestellungen der Chinaforschung und unterstrich die Rolle des Instituts als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit.
Den Auftakt bildete ein öffentlicher Abendvortrag von Prof. Dr. Michael Lackner (Erlangen) zur Übersetzung des Yijing (Buch der Wandlungen, I Ging) durch Richard Wilhelm (erstveröffentlicht 1924). Im Zentrum dieses philologisch ausgerichteten Vortrages standen die intellektuellen Voraussetzungen und die methodische Vorgehensweise Wilhelms. Durch gezielte Bezüge auf europäische Traditionsbestände – etwa die griechische Mythologie, die Bibel und die deutsche Klassik – war es Wilhelm gelungen, den chinesischen Text für ein westliches Publikum anschlussfähig zu machen und so die Grundlage für eine weltweite Yijing-Welle zu schaffen, die bis heute nicht abgeklungen ist. Der gut besuchte Vortrag und der anschließende Empfang boten Raum für den Austausch zwischen Wissenschaft und interessierter Öffentlichkeit. Der zweite Tag des Workshops begann mit einem Vortrag von Prof. Dr. Joachim Kurtz (Heidelberg), der sich mit der Rezeption und Aneignung postkolonialer Theorien in China, Taiwan und Hongkong befasste. Im Fokus stand die selektive Nutzung westlicher Theorieangebote wie Edward Saids (1935–2003) Orientalism und anderer Klassiker des postkolonialen Denkens. Diese werden einerseits zur Kritik an der westlicher Chinaforschung herangezogen, der die Unfähigkeit, die eigenen Vorurteile zu überwinden, vorgeworfen wird, andererseits – und zunehmend wichtiger – zur Legitimation teils sehr unterschiedlicher politischer Positionen eingesetzt. Für und gegen die „Taiwanisierung“ Taiwans bis hin zur Legitimation der Rückkehr Hongkongs zum chinesischen Mutterland – teilweise ergänzt um Ideen, die von Denkern wie Carl Schmitt (1888–1985) und Leo Strauss (1899– 973) adaptiert wurden. Kurtz konstatierte eine Tendenz zur Komplexitätsreduktion und ein nicht aufgelöstes Spannungsverhältnis zwischen der Verwendung westlicher Begriffe und Ideen bei gleichzeitiger Ablehnung von nicht genehmen Wertvorstellungen. Im Anschluss widmete sich Prof. Dr. Iwo Amelung der Geschichte des China-Instituts und seinem wissenschaftlichen Umfeld. Er zeigte, dass mit dem Institut verbundene Frankfurter Wissenschaftler wie Karl August Wittfogel (1896–1988) und Willy Hartner (1905–1981) eine wichtige Rolle in der Entwicklung der westlichen Forschung zur chinesischen Wissenschafts- und Technikgeschichte spielten. Ihre Zusammenarbeit und ihr Austausch mit Joseph Needham (1900–1995) trugen wesentlich zur Prägung zentraler Fragestellungen dieses Forschungsfeldes bei.
Dr. Florian Thünken (Würzburg) untersuchte am Beispiel der Stadt Chongqing aktuelle Entwicklungen urbaner Wahrnehmung in digitalen Medien. Im Mittelpunkt stand das Phänomen des daka-Tourismus, der durch soziale Medien geprägt ist und auf Sichtbarkeit sowie die Betonung des individuellen „Ich bin hier gewesen“ abzielt. Chongqing mit seinem Hype um die dramatisierte, aber eigentlich alltägliche Architektur fungiert hierbei als prominentes Beispiel für die mediale Inszenierung urbaner Räume.
Prof. Dr. Barbara Mittler (Heidelberg) analysierte die politische Bedeutung visueller Darstellungen am Beispiel des schwimmenden Mao Zedong – einer der ikonischen Momente der chinesischen Kulturrevolution. Anhand von Fotografien, Filmen und Propagandamaterial gelang es ihr zu zeigen, wie visuelle Inszenierungen zur Konstruktion politischer Autorität beitragen und historische Traditionslinien aufgreifen.
Den Abschluss des Workshops bildete der Vortrag von Prof. Dr. Angelika Messner (Kiel), die sich mit der vergleichsweise geringen Präsenz der chinesischen Medizingeschichte in der deutschen Sinologie auseinandersetzte. Sie skizzierte zentrale Stationen der Forschungsgeschichte – von frühen Übersetzungen medizinischer Texte bis hin zur neu erschlossenen, von Paul Unschuld zusammengetragenen Sammlung von chinesischen medizinischen Handschriften in der Staatsbibliothek zu Berlin – und wies auf bestehende Forschungspotenziale hin. Zudem thematisierte sie die Bedeutung jüngerer globaler Entwicklungen, insbesondere der Corona-Pandemie, für vergleichende Perspektiven auf medizinische Wissenssysteme.
Die Tagung zeichnete sich durch eine thematische Vielfalt, eine hohe Qualität der Beiträge und eine rege Beteiligung des Publikums aus. Insgesamt wurde deutlich, dass das China-Institut auch nach 100 Jahren eine wichtige Plattform für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit China und den Dialog zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Akteuren darstellt.
Selina Kötter, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Sinologie