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Mehr als nur Ausgrabungen

Im fünften Stock des IG-Farben-Hauses erforscht eine internationale Gruppe von Wissenschaftler*innen die menschlichen Schichten unter der Geschichte.

Es ist kurz vor Mittag. Gedämpftes Lachen zieht durch den Flur im fünften Stock des IG-Farben-Hauses auf dem Westend-Campus der Goethe-Universität. Die Tür öffnet sich, die Stimmen werden deutlicher. Gesprochen wird Englisch. Oder genauer gesagt: viele verschiedene Arten von Englisch – mit unterschiedlichen Akzenten, Sprachrhythmen und Klangfarben. Mehrfach prallt Lachen von Regalen voller Bücher, Grabungsberichten und kleiner archäologischer Fundstücke zurück. Irgendjemand fragt nach mehr Tee.

Auf den ersten Blick wirkt das Büro von Prof. Hagit Nol, Juniorprofessorin für Islamische Archäologie und Kunstgeschichte am Institut für Archäologische Wissenschaften, eigentlich zu klein für die Anzahl der Menschen, die sich heute darin versammelt haben. Mehrere Archäolog*innen drängen sich um einen Tisch, auf dem Schüsseln, Dosen und improvisierte Teller balancieren. Eine Person sitzt etwas unglücklich da, ein Tischbein zwischen die Knie geklemmt. „In Deutschland sagt man, das ist der Platz, den dir deine Schwiegermutter geben würde“, bemerkt jemand. Alle lachen. Alle verstehen den Witz.

Vielleicht zeigt sich Archäologie genau hier in ihrer menschlichsten Form. Nicht nur als Ausgrabung verschütteter Objekte, sondern als Freilegung von Verbindungen: zwischen Menschen, Sprachen, Erinnerungen, Rezepten, Migrationsbewegungen und Zivilisationen. Rund um diesen Mittagstisch erscheint die Disziplin weniger als Wissenschaft vergangener Gegenstände und Zeiten, denn als Studie darüber, wie Menschen schon immer zusammengelebt haben – manchmal unerquicklich, oft kreativ und fast nie vollkommen isoliert.

Die Gruppe, die heute hier zusammensitzt, ist ungewöhnlich international. Die meisten Forschenden stammen aus unterschiedlichen Teilen des Nahen Ostens und des Mittelmeerraums. Einige kamen als Studierende, andere als Postdocs, wieder andere als Professor*innen. Heute ist Prof. Dirk Wicke der einzige gebürtige Deutsche im Raum. Zu stören scheint das niemanden – ihn eingeschlossen.

„Manchmal gräbt man weiter, manchmal bewegt man sich seitwärts“

„Uns interessieren die Menschen hinter den Objekten“, erklärt eine Wissenschaftlerin. „Wir wollen nicht nur die materielle Kultur beschreiben, sondern verstehen, wer etwas hergestellt, benutzt, gehandelt oder über Grenzen hinweg transportiert hat.“ Mehrere Personen am Tisch merken an, dass sich diese Herangehensweise von traditionelleren archäologischen Ansätzen unterscheide, wie sie in Teilen Kontinentaleuropas noch zu finden seien – dort liege der Schwerpunkt oft stärker auf Objekten und Beschreibung. Hier sei der Blick weiter, anthropologischer, interdisziplinärer. „An manchen Orten ist Archäologie noch immer sehr katalogorientiert“, bemerkt Prof. Nol. „Unser Ansatz ist internationalerer.“

Das Gespräch kommt schnell auf die Realität archäologischer Feldarbeit. Archäologie, sagt jemand, sei vor allem eine Übung in Resilienz. Ausgrabungen hängen von Genehmigungen, Finanzierung, Diplomatie und politischer Stabilität ab – fragile Güter in Regionen, in denen antike Zivilisationen häufig mit heutigen Konfliktzonen überlappen. Eine Grabung, die in einem Land geplant war, kann plötzlich untersagt werden, wodurch die Forschenden gezwungen sind, ihre Arbeit andernorts fortzusetzen. Aus Plan A wird Plan B, dann Plan C. Ein Projekt, das sich ursprünglich auf eine Region konzentrierte, wandert weiter in eine andere, in der Spuren derselben Zivilisation unter anderen politischen oder religiösen Bedingungen erhalten geblieben sind.

Zwei Studierende während Ausgrabungen

Die angehenden Archäolog*innen verbindet ein Interesse, das über die de Beschreibung einer materiellen Kultur hinausgeht und darauf abzielt, zu verstehen, wer ein Objekt hergestellt, genutzt und gehandelt hat.

Institut für Archäologische Wissenschaften

„Man lernt, flexibel zu sein“, wirft jemand ein. „Manchmal gräbt man weiter, manchmal bewegt man sich seitwärts.“ Zustimmendes Nicken im Raum. Denn Archäologie ist auch zutiefst politisch. Die Vergangenheit bestimmt, wie Gesellschaften sich selbst in der Gegenwart verstehen, und der Zugang zu historischen Stätten ist selten frei von aktuellen Spannungen. In den letzten Jahren sind mehrere bedeutende Grabungsregionen im Nahen Osten zunehmend schwer zugänglich geworden. Internationale Förderbeschränkungen, diplomatische Komplikationen und politische Verschiebungen werfen oftmals schon lange bevor Forschende überhaupt das Feld erreichen einen Schatten über geplante Projekte. Hinzu kommt, dass archäologische Teams selbst meist hoch international sind. Eine Reisebeschränkung für ein Mitglied mit einer bestimmten Nationalität kann plötzlich ein ganzes Projekt lahmlegen. „Anders als schlechtes Wetter oder schlechte Funde“, erklärt ein Wissenschaftler, „tauchen diese Hindernisse schon auf, bevor die Ausgrabung überhaupt beginnt.“

Und doch betonen mehrere Personen am Tisch, dass genau diese Erfahrungen auch etwas Wertvolles hervorbringen: Perspektive. „Sobald man sein Herkunftsland verlässt“, sagt jemand nachdenklich, „setzt so etwas wie Multivision ein.“

Jenseits der Objekte

Das Gespräch bewegt sich mühelos zwischen Essen und Feldarbeit, Theorie und Erinnerung, Migration und Methodik. Mehrere Forschende argumentieren, dass Archäologie heute über das bloße Klassifizieren und Ausstellen von Artefakten hinausgehen müsse. „Sonst“, sagt jemand, „würden wir einfach nur Museen füllen.“ Moderne Archäologie greife zunehmend auf Anthropologie, Soziologie, Psychologie, Umweltwissenschaften und Migrationsforschung zurück, ist man sich einig. Materielle Kultur bleibe zwar zentral – aber Objekte allein reichten nicht mehr aus. Die entscheidenden Fragen beträfen Kontext, Bewegung, Identität und gesellschaftliche Bedeutung.

Eine Wissenschaftlerin erinnert sich an Studierende, die voller Begeisterung für Genderarchäologie, Migration oder das soziale Leben von Objekten in Seminare gekommen seien – nur um festzustellen, dass solche Perspektiven in manchen akademischen Kreisen noch skeptisch betrachtet würden. „Die Studierenden wollten über materielle Kultur hinausgehen. Gerade deshalb fanden sie diese Ansätze spannend, weil sie eben nicht überall gelehrt werden.“

Immer wieder fällt am Tisch der Begriff „anthropologische Archäologie“ – ein Ansatz, der nicht nur rekonstruieren will, was Menschen hergestellt haben, sondern wie sie lebten, sich bewegten, miteinander interagierten und ihre Welt verstanden. Diese Perspektive prägt auch das Verständnis dieser Gruppe an Forschenden – allesamt Expert*innen der Islamischen Archäologie, einem Feld, das, wie sie betonen, weit komplexer und vielfältiger sei, als Außenstehende oft annehmen. Islamische Archäologie beschäftige sich mit Gesellschaften und Regionen, die historisch von muslimischer Herrschaft und kulturellem Einfluss geprägt wurden – vom Nahen Osten über Teile Afrikas und Zentralasiens bis nach Südeuropa. In der Praxis bedeutet das: Archäolog*innen graben Moscheen, Kirchen, Märkte, Wohnhäuser, Keramiken oder Bewässerungssysteme aus – und suchen dabei nicht nur nach Spuren von Religion, sondern nach Hinweisen auf Zusammenleben, Austausch und Alltag.

Dissens als soziale Praxis

Es wird wieder lauter, als das Gespräch auf das Studierendenleben kommt. Eine Person erinnert sich an eine zweiwöchige Exkursion vor einigen Jahren, bei der Studierende aus verschiedenen Ländern gemeinsam im Bus unterwegs waren. Einige hätten stundenlang gesungen und getanzt. Andere hätten die ganze Zeit still am Fenster gesessen. „Das ist kulturell bedingt“, sagt jemand achselzuckend und liebevoll zugleich. „Vielleicht aber auch einfach persönlich“, ergänzt eine andere Stimme.

Über Unterschiede wird offen gesprochen, aber ohne Schärfe. Tatsächlich scheint Dissens beinahe zum sozialen Ritual des Fachbereichs zu gehören. „Jede Diskussion ist ein Streit mit einem Lächeln“, sagt Prof. Nol. „Wir widersprechen uns ständig. Aber wir teilen trotzdem Essen, Vorlesungen, Büros und Projekte.“

Diese Atmosphäre geht über die wissenschaftliche Arbeit hinaus. Mehrere Forschende beschreiben die Abteilung als ungewöhnlich sozial – zumindest gemessen an deutschen Universitätsstandards. Gemeinsame Mittagessen seien zu informellen Ritualen des Austauschs geworden und brächten Menschen zusammen, die sonst leicht in Büros oder disziplinären Silos verschwinden würden. „Die nahöstliche Kultur ist sozialer“, sagt ein Wissenschaftler vorsichtig. „Manche Brücken müssen gar nicht erst gebaut werden, weil bestimmte kulturelle Referenzen ohnehin geteilt werden.“ Andere betonen wiederum, dass weniger eine bestimmte regionale Identität entscheidend sei als die Internationalität selbst. Wer in mehrsprachigen und multikulturellen Umfeldern arbeite, entwickle zwangsläufig eine besondere Form intellektueller Offenheit – gerade in einer Disziplin, die sich mit menschlicher Bewegung und kulturellen Kontakten beschäftigt.

Der Bereich selbst hat eine längere Tradition internationaler Zusammenarbeit. Prof. Wicke verweist auf frühere Grabungsnetzwerke in Syrien und langjährige akademische Beziehungen in der Region, die bereits unter seinem Vorgänger Jan-Waalke Meyer entstanden seien und die Ausrichtung des Instituts auf den Nahen Osten und internationale Kooperation über Jahrzehnte mitgeprägt hätten.

Geschichte durch Essen lesen

Inzwischen quillt der Tisch über. Reisgerichte, Salate, Brot, Süßigkeiten, Tee und Desserts. Das Gespräch gleitet ganz selbstverständlich zum Essen – und wird prompt selbst zur archäologischen Übung. Jemand besteht darauf, dass die persische Version eines bestimmten Reisgerichts die beste sei. Sofort kommt Widerspruch. Wenig später diskutiert der gesamte Tisch lebhaft über bucharischen Plov, persischen Polo, sowjetischen Plov und die Wanderung von Rezepten durch Jahrhunderte von Migration und Imperien. Das Gericht selbst ist über tausend Jahre alt – geprägt von persischen Hoftraditionen, turkischer Nomadenküche, mongolischen Handelswegen und später russischer beziehungsweise sowjetischer Vereinheitlichung. Wie Keramikscherben in einem Grabungsschnitt trägt jede Variante Spuren älterer Welten in sich.

Eine herrlich schlichte Antwort entsteht schließlich, als jemand fragt, wie ein bestimmtes Gericht denn nun eigentlich heiße. „Reis mit Erbsen.“ Wieder Gelächter.

Dann kommt der Nachtisch: eine Schokoladen-Keks-Rolle, die in Portugal „Schokoladensalami“ genannt wird und in Deutschland unter „Kalter Hund“ bekannt ist. Wieder werden Sprache, Migration und kulturelle Übersetzung Teil des Gesprächs. Gleiche Zutaten. Andere Geschichten.

 

Gemeinsam tiefer graben

Irgendwann wendet sich die Diskussion dem kolonialen Erbe der Archäologie selbst zu. Noch immer stammt ein großer Teil der Finanzierung archäologischer Projekte aus westlichen Institutionen. Häufig arbeiten ausländische Teams in Ländern, deren eigene Forschende nicht über vergleichbare finanzielle Mittel oder Infrastruktur verfügen. Mehrere Wissenschaftler*innen am Tisch beschreiben den Versuch, ein anderes Modell zu schaffen – eines, in dem lokale Expertise, Sprachkenntnisse und kulturelle Vertrautheit nicht nebensächlich, sondern zentral für die Forschung sind. „Wenn man die Sprache spricht“, erklärt jemand, „wird man anders aufgenommen. Man ist nicht nur ein Außenstehender, der etwas untersucht.“

Gruppenbild von Archäologie-Forschenden

Eine Ausgrabung am frühen Morgen. Viele Archäologie-Forschende bewegen sich ständig zwischen verschiedenen Welten: ausgebildet in Deutschland, graben sie in einem anderen Land, arbeiten über Sprachgrenzen hinweg und bringen ihre persönlichen Migrationsgeschichten in ihre Forschung ein.

Institut für Archäologische Wissenschaften

Es gehe nicht darum, internationale Zusammenarbeit abzulehnen, sondern sie neu zu denken. Viele der Forschenden hier bewegen sich permanent zwischen Welten: in Deutschland ausgebildet, im Nahen Osten tätig, mehrsprachig vernetzt, mit eigenen Migrationserfahrungen im Gepäck. Manche kehren später sogar zurück und graben nur wenige Kilometer entfernt von den Orten, an denen sie als Kinder ihre Sommer bei Verwandten verbrachten. „Niemand hier definiert sich zu hundert Prozent über Nationalität“, sagt irgendwann jemand. Rund um den Tisch wird genickt.

Als die Reste schließlich in Behälter umgefüllt und verteilt werden, ist es ruhiger geworden. Das Gespräch verlangsamt sich zu jener besonderen Art von Stille, die nur gemeinsame Mahlzeiten hervorbringen – nicht unangenehm, sondern erfüllt.

Vielleicht zeigt genau dieses Mittagessen, dass es in der Archäologie letztlich um weit mehr geht, als nur die Vergangenheit freizulegen, sondern auch darum zu verstehen, wie eng menschliche Gesellschaften immer schon miteinander verbunden waren – trotz der Grenzen, die später über sie gezogen wurden. Zivilisationen handelten miteinander, übernahmen voneinander, übersetzten, kämpften, passten sich an, heirateten, migrierten und aßen gemeinsam, lange bevor moderne Politik Identitäten zu starren Kategorien machte.

Manchmal zeigt sich diese Erkenntnis nicht am Boden eines Grabungsschachts, sondern im fünften Stock eines Frankfurter Universitätsgebäudes – an einem vollen Tisch mit selbstgekochten Gerichten, Teegläsern und Geschichten. Und manchmal besteht die wichtigste Entdeckung schlicht darin, dass Fremde, wenn man ihnen genug Zeit, Neugier – und Essen – gibt, irgendwann aufhören, Fremde zu sein.

 

Leonie Schultens