Joshua Groß, neuer Frankfurter Poetikdozent, über seine schriftstellerische Praxis, über Sprachen der Veränderung und über seine Einflüsse in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.
UniReport: Ihr letzter Roman „Plasmatropfen“ aus dem Jahre 2024 wurde von einigen Kritiker*innen als „märchenhaft“, als hyper- oder surreal, jedenfalls als die Gegenwart übersteigend bezeichnet. Wenn man sich den Roman anschaut, stößt man auf Figuren, die u.a. über ein Exoskelett und die (titelgebenden) Augentropfen Science-Fiction-artige Erweiterungen ihrer Körper vornehmen, auf telekinetische Superkräfte und sogar ein Fabelwesen. Gleichzeitig dürften den Leser*innen die drohenden oder sich auch bereits vollziehenden ökologischen Katastrophen wiederum sehr vertraut, wenn nicht gar ‚realistisch‘, vorkommen. Sollte man bei der Lektüre Ihres Romans die vielleicht zu starren Kategorien von realistischem Gegenwartsbezug und märchenhaftem Fabulieren lieber ad acta legen?
Joshua Groß: Ich wünsche mir (auch wenn es womöglich ein hehrer Wunsch ist), dass meine Bücher gelesen werden, ohne sich unmittelbare Erklärungen für die Gegenwart zu erhoffen. Zumindest keine Erklärungen, die Leser*innen mit oberflächlichen Tools ausstatten. Ich glaube, es gibt genug Quellen, die oberflächliche Tools versprechen. Mir geht es mehr darum, in verschiedensten Formen einen sense of wonder wiederzuentdecken, der uns in den bedrückenden Gegenwarten abhandenkommt. Für dessen Aufrechterhaltung ich auch bei mir selbst eintreten möchte. Ich schreibe, um Humor und Fantasie zu praktizieren. Im besten Fall kann Literatur zu einem Tool werden, das uns hilft, Öffnungen zu erschaffen. Dass etwas geöffnet wird, was vorher verschlossen war, ohne dass wir es wussten. Ich würde mich sogar am liebsten aus der Gegenwart rausschreiben, auch wenn ich weiß, dass das nicht restlos möglich ist.
Ich versuche eher, in die Tiefenmuskulatur hineinzuschreiben. Damit wir uns ein bisschen besser mit dem synchronisieren können, was wir verdrängen. Denn ich glaube, wir weichen entscheidenden Fragen gerade beinahe systematisch aus. In diesem Sinne ist Plasmatropfen für mich eine Geschichte, die befragt, wie ein zugewandtes Miteinander funktionieren kann. Und die zeigt, wann es nicht funktioniert. Ich wollte wissen, was Liebe sein kann, wenn es schwerfällt, an Liebe zu glauben. Was es bedeutet, psychisch krank zu sein, und trotzdem leben zu wollen. Wie sich Verzweiflung anfühlt. Ob es möglich ist, in Verzweiflung zu lachen. Es ist ein weiterer Versuch, dabei mitzuhelfen, unseren Begriff des Verstehens zu erweitern. Ich wünsche mir ein Verstehen, in dem man aushält, dass es mehr gibt als Erklärungen. Und auch mehr als Kategorien.

Joshua Groß, Frankfurter Poetikdozent 2026

Joshua Groß, Frankfurter Poetikdozent 2026
Sie sind u.a. auch Mitherausgeber des Bandes „Mindstate Malibu“, der den leicht provokanten Untertitel „Kritik ist auch nur eine Form von Eskapismus“ trägt. Die Beiträge greifen einerseits Szeneslang aus der Gamer-Szene, aus dem HipHop, andererseits aber auch kapitalismuskritische Positionen auf, erinnern bisweilen in ihrer Affirmation von Warenwelt und Oberfläche und der Absage an Authentizität an das Popkulturelle Quintett. Gibt es da aus Ihrer Sicht Bezüge, sehen Sie sich (auch) in dieser literarischen Tradition?
Den Band haben wir 2016 und 2017 erarbeitet, vor zehn Jahren, als eigentlich alle digitalen Entwicklungen, die uns heute in die Mangel nehmen, schon präsent und größtenteils absehbar waren. Die Diskussionen darüber fanden allerdings zumeist in literaturfernen Räumen statt. Nicht im Feuilleton. Eher auf Twitter, in der bildenden Kunst, in der Musik, in der Kulturtheorie. Der etablierte Literaturbetrieb war gegenüber diesen Entwicklungen im Allgemeinen skeptisch und ablehnend. Grob gesagt hat uns interessiert, welchen Einfluss digitale Räume (und ihre vorprogrammierten Logiken) auf Sprache und kapitalistische Gegebenheiten ausübten. Vor zehn Jahren galt das für viele Menschen als genuin unliterarisch. Aus diesen Gründen haben wir damals die Anthologie „Mindstate Malibu“ gemacht.
Als das Buch erschien, kam es uns vor, als hätte sich das Thema teilweise schon überlebt. Wir hatten ambivalente, zeitkapselige Gefühle dazu. Aber die Entzündungen, die wir beschrieben haben, sind mittlerweile chronifiziert. Dass die Anthologie noch immer relevant ist, spricht vermutlich für die Qualität der Beiträge – und es bestätigt einmal mehr die Worte von Brion Gysin, wonach die Literatur der Kunst um Jahrzehnte hinterher ist.
Mich treibt es noch immer um, woraus sich eine zeitgemäße Sprache speist, die sowohl abbilden als auch reflektieren kann. James Bridle hat gesagt, es sei wichtig für uns Menschen, Meta-Sprachen bezüglich der Veränderungen, die wir erleben, zu entwickeln. Damit wir adäquat über die Veränderungen nachdenken können.
Deutschsprachige Popliteratur hat mich hingegen kaum beschäftigt. Ich habe mich damals eher mit den Ansätzen des Impressionismus und des Surrealismus auseinandergesetzt. Mit antikapitalistischer Theorie und dem psychologischen Roman. Ich habe mich gefreut, dass ich einiges davon im Rap und im Internet wiederentdecke.
Gibt es Autorinnen und Autoren der Frankfurter Poetikvorlesungen, die für Sie wichtig waren und sind? Und bezogen auf die deutschsprachige Gegenwartsliteratur: Wer hat Sie am meisten beeindruckt oder geprägt?
Beeindruckt haben mich die Poetikvorlesungen von Monika Rinck, die sie 2021 während der Pandemie gehalten hat. Ich habe mir die Videos mehrmals angeschaut.
In der deutschsprachigen Literatur schwärme ich u.a. für Ann Cotten, Carla Cerda und Anton Artibilov. Ich hoffe, dass sie alle eines Tages die Frankfurter Poetikvorlesungen halten werden. Die Anleitungen der Vorfahren von Ann Cotten ist meiner Meinung nach ein extrem wichtiges, findiges Buch, dessen Layer und Tiefenschichten noch lange nicht genug wahrgenommen und diskutiert wurden. Gerade wurde ein neues Buch von Ann Cotten veröffentlicht, es heißt Poller. Die Gedichtbände von Carla Cerda muss man häufig lesen. Sie beglücken mich durch ihren Witz und ihre Intelligenz und ihre Stapelungen und ihre Weltgewandtheit. Bei Anton Artibilov habe ich den Eindruck, es handle sich um eine Reinkarnation von Boris Vian. Weil er so viel kann, Rappen und Schreiben und Theatermachen. Er ist der cleverste, lustigste, berührendste Entertainer, den ich mir vorstellen kann.
Verraten Sie uns schon mal, worauf wir uns in Ihren Poetikvorlesungen freuen dürfen?
Ich habe mich gefragt, wovon mein Leben und Schreiben geprägt wurden. Von welchen Ereignissen, von welchen Kunstwerken, von welchen Büchern, von welchen Verhaltensmustern womöglich. Mit welchen Motiven und Denkfiguren ich immer wieder gearbeitet habe. Und ob es überhaupt sein muss, dass ich schreibe. Diese Frage habe ich mir noch nie in dieser Deutlichkeit gestellt. Irgendwie hat Schreiben im beruflichen Sinne auch was Hohlbirniges an sich. Außerdem wurmt es mich, dass wir uns so deppert in die Digitalität hineingelebt haben. Welche Auswirkungen hat das auf unsere psychische Beschaffenheit? Welche Verhaltensweisen entstehen dadurch? Welche Anfälligkeiten. Welche Abhängigkeiten. Welche Beziehungen. Oft kapiere ich erst später, worüber ich wirklich geschrieben habe. Bis dahin hoffe ich, dass sich die Themen im Erzählen auflösen.
Zu den Vorlesungen wird es im Dante 9 die Ausstellung „Die Horizonte der Shapeshifter“ zu sehen geben, mit Philippe Gerlach, Verena Issel, Karin Kolb, Planetary Intimacies, Jenny Schäfer und Lilly Urbat. Das sind Künstler*innen, die ich sehr schätze und mit denen ich in den letzten Jahren immer wieder zusammengearbeitet habe. Darauf freue ich mich sehr.
Fragen: Dirk Frank