Lucas Bek, Masterstudent der Geowissenschaften, über die Begeisterung für seine Disziplin
Wenn man mit Lucas über sein Studium spricht, wird eines schnell klar: Geowissenschaften sind weit mehr als das Bestimmen von Gesteinen oder das Zeichnen geologischer Profile. Es geht um das Verständnis unseres Planeten, um Prozesse, die über Millionen von Jahren wirken. Und es geht um hochaktuelle Fragen wie Klimawandel, Energiewende und geopolitische Abhängigkeiten. Lucas studiert im Master Geowissenschaften an der Goethe-Universität und verbindet grundlagenorientierte Forschung mit gesellschaftlicher Relevanz.
UniReport: Lucas, du studierst im Master Geowissenschaften. Dabei denken viele Menschen an die Gesteinssammlung in großen Museen. Bevor wir aber ins Detail gehen: Wie bist du überhaupt zu den Geowissenschaften gekommen?
Lucas Bek: Der Ursprung liegt tatsächlich ziemlich früh in meiner Kindheit. Ich war mit meinen Eltern unterwegs, wir haben viele Reisen gemacht, unter anderem in die Schweiz. Besonders die Alpen und die Gletscher haben mich damals schon fasziniert. Auf einer dieser Reisen sagte mein Vater zu mir: „Ich weiß nicht, ob du deinen Kindern diese Gletscher noch zeigen können wirst.“ Dieser Satz blieb mir bis heute im Gedächtnis.
Ab diesem Moment hat mich das Thema nicht mehr losgelassen: In der Schule habe ich fortan unzählige Vorträge über Gletscher gehalten. Im Zuge dessen kamen dann Fragen auf wie: Welche Prozesse laufen in der Natur ab und wie ist unsere Erde eigentlich aufgebaut? Gleichzeitig merkte ich schnell, dass mir besonders die Kombination aus Feldforschung und anschließender Analyse im Labor große Freude bereitet. Die Geowissenschaften haben mich auch deswegen überzeugt, weil sie in großen Teilen draußen stattfinden, weil man viel unterwegs ist und man trotzdem die Chemie, Physik und Mathematik sinnvoll anwenden kann.
Erinnerst du dich noch an deinen ersten Eindruck vom Studium? Warst du eher überwältigt oder sofort begeistert?
Ehrlich gesagt: beides, überwältigt, aber auf eine gute Art und Weise. Gerade im ersten Semester war das Pensum enorm hoch. Physik, Chemie und Mathematik kamen in einer ganz neuen Intensität auf mich zu. Das Lerntempo an der Uni war ein ganz anderes als in der Schule. Ein Kurs, der mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, ist „Geomaterialien“. Dort wurden uns nahezu alle Gesteine und Materialien vorgestellt und wir mussten eine Menge chemischer Formeln lernen. Das war zwar viel, jedoch gleichzeitig auch unglaublich spannend. Ich habe schon früher gerne Kristalle gesammelt und konnte plötzlich lernen, wie man eine Gesteinsansprache macht, also Gesteine systematisch bestimmt. Das war meine erste richtige Berührung mit Feldgeologie und Laborarbeit. Da habe ich gemerkt, dass das genau mein Ding ist.
Wie ist das Studium der Geowissenschaften inhaltlich aufgebaut? Gibt es so etwas wie eine klare Lernlogik?
Ja, definitiv. Das Studium ist sehr logisch aufgebaut. In den ersten Semestern bekommt man das Fundament beigebracht, bestehend aus Geomaterialien, Mathematik, Chemie und Physik. Darauf aufbauend kommen dann Fächer wie Mineralogie und Geophysik. In der Geophysik beschäftigt man sich zum Beispiel auch mit der Seismologie, also Fragen nach der Entstehung von Erdbeben und zu möglichen Auswirkungen wie Tsunamis. Was ich besonders spannend finde, ist das systemische Denken. Wenn man einmal verstanden hat, wie die Erde grundsätzlich aufgebaut ist und funktioniert, kann man vieles logisch daraus ableiten. Dann weiß man, an welchen Orten bestimmte geologische Prozesse ablaufen und welche Gesteine dort zu erwarten sind. Es ist ein bisschen wie das Verständnis über den grundlegenden Aufbau des Körpers. Viele Symptome lassen sich logisch daraus schließen und erklären.
Was macht man in der Geowissenschaft genau?
Im Kern untersuchen wir geologische Prozesse und versuchen zu verstehen, wie sie entstanden sind. Das kann sehr unterschiedlich aussehen. Man beschäftigt sich unter anderem mit Vulkanismus, Erdfällen oder Kalkhöhlen. Ganz oft geht es darum, ein Gestein in die Hand zu nehmen und sich zu fragen: Warum ist dieses Gestein genau hier entstanden? Welche Prozesse haben dazu geführt? Welche Geschichte steckt dahinter? Das Besondere ist, dass man ständig in sehr großen Zeiträumen von Millionen von Jahren denkt und trotzdem einen direkten Bezug zur Gegenwart hat. Denn viele dieser Prozesse wirken bis heute weiter und beeinflussen unser Leben ganz konkret, etwa durch Gefahren der Naturgewalten oder die Verfügbarkeit von Rohstoffen.
Ein wichtiger Bestandteil des Studiums sind Exkursionen. Welche Erfahrungen hast du dabei gemacht?
Die Exkursionen sind für mich eines der absoluten Highlights. Schon früh waren wir im Kaiserstuhl und im Hegau unterwegs, wo man viel über vulkanische Prozesse lernt. Dort sieht man zum Beispiel, wie Gase aus dem Untergrund austreten, was ein Hinweis darauf ist, dass sich darunter möglicherweise Magmakammern befinden. Meine erste größere Exkursion ging nach Südfrankreich. Dort haben wir uns intensiv mit Sedimentologie beschäftigt, also mit der Abfolge von Sedimenten und dem, was sie über frühere Umweltbedingungen aussagen. Die intensivste Erfahrung war aber eine zehntägige Exkursion nach Zypern. Zypern besteht aus ozeanischer Kruste, dem sogenannten Troodos-Ophiolith. Das ist etwas ganz Besonderes, weil man Prozesse beobachten kann, die normalerweise tief unter dem Meer stattfinden. Wir haben uns dort sogenannte Black Smoker angeschaut. Das sind hydrothermale Quellen, die für die Bildung von Erzlagerstätten extrem wichtig sind. Unsere Professoren haben das unglaublich lebendig vermittelt.
Wie haben diese Erlebnisse dein Denken verändert?
Es fühlte sich wirklich so an, als würden wir ein paar Millionen Jahre in die Vergangenheit reisen. Bei den Black Smokern wird einem zudem klar: da entstehen Erzkörper, welche vom Menschen abgebaut werden. Wir alle haben Laptops, Smartphones etc., aber woher kommen eigentlich die ganzen Bestandteile dazu?
Auf Zypern haben wir uns archäologische Fundstellen angeschaut, an denen schon vor ein paar tausend Jahren Kupfer aus Gestein gewonnen wurde. Das zeigt, wie eng Erd- und Menschheitsgeschichte miteinander verbunden sind.
Kommen wir zu deiner aktuellen Forschung. Woran arbeitest du im Moment im Rahmen deiner Masterarbeit?
In meiner Masterarbeit beschäftige ich mich mit kritischen Rohstoffen. Konkret untersuche ich dabei, wie Rare Earth Elements, Kobalt, Nickel oder Kupfer und auch Schwefel in bestimmten Gesteinen gebunden sind. Diese Rohstoffe sind extrem wichtig für die Energiewende, für Batterien, erneuerbare Energien und moderne Technologien.
Geologisch schaue ich mir sogenannte supergene Lagerstätten an. Dabei handelt es sich um ober-
flächennahe Verwitterungs- und Umlagerungsprozesse, die zur Anreicherung bestimmter Elemente führen. Besonders Phosphate und Manganoxide sind spannend, weil sie dafür bekannt sind, kritische Metalle anzureichern. Diese Prozesse sind noch nicht vollumfänglich erforscht.
Wo genau forschst du, und wie gehst du methodisch vor?
Ich untersuche Lagerstätten in der Lahnmulde in Hessen sowie in der Lindener Mark bei Gießen. Beides sind historische Bergbaugebiete, in denen vor allem im 19. und 20 Jahrhundert Mangan und Phosphate abgebaut wurden. Methodisch arbeite ich mit sehr moderner Analytik: Elektronenstrahlmikroanalyse, Laser-Massenspektrometrie und Altersdatierungen von Phosphaten. Die zentrale Frage ist: Welche Mineralphasen binden diese kritischen Rohstoffe und was sagt das über ihr Alter, ihre Entstehung und ihr Rohstoffpotenzial aus?
Welche gesellschaftliche und geopolitische Bedeutung hat diese Forschung?
Eine enorm große Bedeutung. Europa ist bei vielen kritischen Rohstoffen stark abhängig von Importen. Gleichzeitig hat sich Europa das Ziel gesetzt, bis 2050 klimaneutral zu werden. Dafür braucht es große Mengen an Rohstoffen.
Meine Arbeit versucht zu zeigen, dass es Lagerstätten gibt, die früher nur auf ganz bestimmte Rohstoffe untersucht wurden, und dass diese Lagerstätten möglicherweise mit neuen Methoden und moderner Analytik heute ein ganz neues Potenzial entfalten können. Das kann zu einer wichtigen Grundlage für politische Entscheidungen zur Rohstoffsicherung in Europa werden.
Würdest du den Studiengang Geowissenschaften weiterempfehlen?
Absolut. Allen, die Freude an Naturwissenschaften haben, gerne reisen, draußen arbeiten und auch mal in der Natur schlafen. Man lernt unglaublich viel, bekommt ein sehr breites Wissen und kann sich anschließend in verschiedene Richtungen hin spezialisieren.
Zum Abschluss: Wie sehen deine Pläne nach dem Studium aus?
Ich möchte weiterhin an den potenziellen Möglichkeiten forschen, in Europa neue Vorkommen zu identifizieren und diese zu bewerten. Ich bin der festen Überzeugung, dass das heute und zukünftig zunehmend an Bedeutung gewinnen wird, gerade im Hinblick auf die Energiewende und aktuelle geopolitische Dynamiken.
Fragen: Kevin Knöss