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Nachts in der Bibliothek: Sleepover-Atmosphäre inmitten getäfelter Bücherwände

Ein Nachbericht zur „Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“

Es ist Anfang März. Der Frühling hat vor einigen Tagen angefangen. Die Knospen beginnen sich zu öffnen. Erste Blüten lassen ihre Farben erahnen. Ein sonniger Tag geht langsam zu Ende, als sich am frühen Abend die Türen des IG-Farben-Hauses öffnen. Das Schreibzentrum ruft zur „Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“.

Achtzehn Uhr dreißig: Eröffnungsveranstaltung im Doppeldecker-Saal. Raschelnde Jacken, leises Flüstern. Immer wieder öffnet sich die Tür und weitere Studierende betreten den Raum. Manche bleiben kurz stehen, suchen nach freien Plätzen oder begrüßen Bekannte. Der Doppeldecker-Saal ist schnell gefüllt. Zwischen Bücherregalen und Holzvertäfelung beginnt eine Nacht voller Workshops, Beratungen, Austausch und natürlich: Zeit zum Schreiben. 


Laptops und Stifte
Arbeiten, bis es zwölf schlägt, allein das hat Atmosphäre: „Nachts im Museum“. Nein, „Nachts in der Bibliothek“ und dazu noch im historisch gewichtigen IG-Farben-Haus. Das Gebäude wirkt mit seinen langen Fluren und hohen Räumen Ehrfurcht gebietend und erdrückend. Wo tagsüber viele Studierende kommen und gehen, breitet sich nun eine konzentrierte Ruhe aus. Rucksäcke werden geöffnet, Laptops aufgeklappt. Stifte liegen bereit, Notizblöcke werden aufgeschlagen. Bei vielen ist der Bildschirm gesplittet: links der geschriebene Text, rechts die Recherche. Kulis klicken. Erste Sätze entstehen.

Das Publikum ist bunt gemischt: Studienanfängerinnen und Studienanfänger sitzen neben fortgeschrittenen Studierenden, Muttersprachler neben mehrsprachigen Studierenden. Manche beginnen gerade erst mit einer Hausarbeit, andere geben ihrem Text den letzten Schliff vor der Abgabe. Für einige ist es ein erster Schritt ins wissenschaftliche Schreiben, für andere eine Gelegenheit, ein begonnenes Projekt endlich voran-
zubringen.
Mariam ist eine der Teilnehmerinnen. Sie hat den ganzen Tag gearbeitet und möchte nun den Abend nutzen, um gemeinsam mit ihrem Begleiter Philipp noch ein bisschen was für ihre Hausarbeit zu machen, erzählt sie. Philipp schreibe aktuell an seiner Bachelorarbeit. Beide sind vor allem wegen der ruhigen Atmosphäre gekommen. „Hier kann man einfach konzentriert arbeiten“, sagt er.
Das leise Tippen auf Tastaturen bildet dabei den Grundrhythmus des heutigen Abends. Dazwischen das Umschlagen von Bücherseiten. In regelmäßigen Abständen hört man das kurze Zippen von Reißverschlüssen, wenn jemand noch einmal in seinem Rucksack nach einem Stift, einem Blatt oder einem Ladekabel sucht. Immer wieder werden neue Tabs im Browser geöffnet, Quellen überprüft, Sätze umformuliert.

Die Bibliothek ist warm, fast zu warm. Die Luft steht nach den ersten warmen Tagen im Jahr ein wenig im Raum, und doch scheint das die Konzentration der Studierenden kaum zu stören. Manche sitzen tief über ihre Bildschirme gebeugt, andere lehnen sich kurz zurück, strecken die Schultern und setzen anschließend das Tippen fort.

In einer Pause sinkt eine Studentin im zweiten Stockwerk in einen der zur Entspannung einladenden apfelgrünen Lehnsessel. Auf ihrem Tisch stehen links eine Trinkflasche und ein dicker Ordner, zentral ein Laptop, daneben eine Bäckertüte und eine angebissene Banane. Proviant für Körper und Geist. Sie schnauft kurz durch und prüft die Nachrichten auf ihrem Telefon, bevor sie wieder zu ihrem Text zurückkehrt. Die Pausen dauern hier nur kurz, die nächsten Ideen warten bereits.


Zwischendurch Bewegung …
Wer zwischendurch Bewegung braucht, kann ein paar Stockwerke höher gehen. Im fünften Stock bietet eine Tutorin des Schreibzentrums kleine Bewegungseinheiten an: Stretching, Yoga, Atemübungen, sogar Liegestütze und Handstände sind hier zwischen den Bücherregalen möglich. Gehirnjogging bekommt hier eine ganz eigene Bedeutung. Eine kurze Aktivierung des Körpers, frisches mit Sauerstoff angereichertes Blut strömt in den Kopf, bevor es wieder zurück an die Schreibtische geht.
Leonardo und Arthur schätzen genau diese Mischung. Beide arbeiten derzeit an Hausarbeiten. Leonardo war früher selbst Dozent am Schreibzentrum und hat dort Workshops geleitet. „Die Atmosphäre ist äußerst angenehm“, sagt er. „Man kann konzentriert arbeiten, aber sich auch zwischendurch mit anderen Leuten unterhalten.“ Diese Kombination mache den Abend besonders.
Tatsächlich entstehen auf den Fluren immer wieder kurze Begegnungen. „Hey, schön dich zu sehen!“, ruft jemand quer durch den Gang. Ein kurzer Austausch, ein paar Sätze über das aktuelle Seminar oder die nächste Abgabefrist. Weitere Ideen und Ansätze werden ausgetauscht. Im sechsten Stock steht eine kleine Verpflegung gegen kleine Taler bereit. Kekse, etwas Süßes. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee durchzieht den Raum. Ein paar Studierende holen sich neue Energie.


… und Zucker
Auch Nadja, welche vor einem ausgehängten Workshop-Plan steht. Es ist ihr erstes Mal bei der Langen Nacht. „Die Workshops sind gut für die Basics“, sagt sie. Für spezifischere Fragen würde sie im Anschluss eine Einzelberatung nutzen. Sie selbst arbeitet gerade an einer Hausarbeit. Doch die späte Stunde macht sich bemerkbar. „Die Energie ist jetzt nicht mehr ganz so da.“ Sie greift nach einem Kaffee und ein paar Süßigkeiten. Vielleicht hilft der Zucker.

Und so ist zwischendurch auch immer wieder ein altbekanntes Geräusch zu hören: das Klicken von Energy-Drink-Dosen. Denn wissenschaftliches Arbeiten, so scheint es, ist wie ein Marathon. Kein Sprint, sondern ein Langlauf – und was beim Marathonlauf gilt, gilt auch hier: „Your sugar limit is your performance limit.“ Manche beginnen gerade erst mit ihren Texten, andere haben bereits mehrere Meter hinter sich gebracht.

Ein Student knipst die Tischlampe vor sich an. Sie flackert einen Moment lang vor sich hin. Er schaltet sie wieder aus. Das parallel zum Tisch hinter ihm an der Decke verlaufende Licht einer Neonröhre muss reichen – und es reicht. Vor ihm liegen Bild-
bände aus der Literaturwissenschaft, sorgfältig aufgeschlagen. Seite für Seite blättert er darin, notiert, schreibt sich einzelne Passagen heraus. Was er wohl studiert, Germanistik, Literatur, Philosophie?
In einem roten Sessel hat es sich ein anderer Teilnehmer gemütlich gemacht. Er hat die Schuhe ausgezogen. In der Hand hält er eine Lupe mit integrierter Taschenlampe und fährt damit langsam inspizierend über die Seiten des Werkes „Sinn & Form“. So finden auch klassische Werkzeuge hier noch Anwendung. In der Langen Nacht zeigt sich wissenschaftliches Arbeiten in vielen Formen, Körperhaltungen, Tischstrukturen und Arbeitsintervallen. 

Eric hat seinen Abend besonders effektiv genutzt. „Ich habe heute schon einen Essay fertig geschrieben“, erzählt er. Vielleicht werde er jetzt noch an einer weiteren Arbeit schreiben oder etwas recherchieren. Normalerweise, sagt er, mache er nach 16 Uhr kaum noch etwas für die Uni. Aber diese Nacht sei anders. „Es hat hier eine Sleepover-Atmosphäre“, sagt er und lacht. Gerade diese lockere Stimmung halte ihn motiviert.

Auch die beiden Organisatorinnen sind zufrieden. Lorena und Yvonne sind den ganzen Abend auf den Beinen, räumen um und auf, koordinieren Abläufe und behalten den Überblick über Workshops und Räume. „Es ist viel zu tun“, sagen sie. Aber sie freuen sich, dass so viele Studierende gekommen sind und das Angebot annehmen. Wie viele Teilnehmende es gibt, lasse sich allerdings schwer sagen. Viele kommen spontan ohne Anmeldung vorbei. Dazu verteilen sich die Teilnehmenden zwischen Bibliothek, Workshops und Bewegungsangeboten über mehrere Stockwerke.

Sandra gehört zu denen, die heute ein eigenes Angebot gestalten. Sie leitet als Tutorin der Schlüsselkompetenzen im Studium einen Workshop zu psychologischen Aspekten des wissenschaftlichen Arbeitens. Für sie ist es der erste Workshop in Präsenz. Gerade Themen wie Motivation, Schreibblockaden oder Selbstorganisation spielten für viele Studierende eine große Rolle, so Sandra.


Gemeinsam ein Stück weiterkommen
Während draußen längst Dunkelheit über den Campus gezogen ist, arbeiten drinnen weiterhin Studierende an ihren Texten. Von Tisch zu Tisch entstehen Ideen, Argumente und Gliederungen. Manche lesen konzentriert, andere tippen schnell ganze Absätze. Wieder andere sitzen kurz still da, den Blick auf den Bildschirm gerichtet, während sich Gedanken ordnen.

Vielleicht ist es genau das, was diese Nacht ausmacht: ein Raum, in dem Schreiben gemeinsam passiert. Ruhig, konzentriert und doch verbunden. Niemand arbeitet wirklich allein. Und genau das ist hier durchwegs zu spüren, die Mischung aus  angenehmer Arbeitsatmosphäre und sozialem Austausch. 

Und so wird das Bibliothekszentrum der Geisteswissenschaften im IG-Farben-Haus für ein paar Stunden zu einem ganz besonderen Ort. Zu einem Ort, an dem aus aufgeschobenen Hausarbeiten langsam fertige Texte werden: Idee für Idee, Satz für Satz, Seite für Seite. Wenn hier kurz vor Mitternacht die letzten Laptops zugeklappt werden, bleibt von dieser Nacht vor allem eines: das Gefühl, gemeinsam ein Stück weitergekommen zu sein.


Kevin Knöss