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Wenn Geschichte strahlt

Research reading room in the Central Library; from left: Dr. Ute Frietsch (Herzog August Library, Wolfenbüttel), Carsten Wintermann, Uwe Golle, Jakob Frohmann (Curator of Manuscripts and Director of the Manuscript Center at the Frankfurt University Library).

Forschungslesesaal in der Zentralbibliothek, Personen von links: Dr. Ute Frietsch (Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel), Carsten Wintermann, Uwe Golle, Jakob Frohmann (Sammlungskurator Handschriften und Leiter des Handschriftenzentrums der Universitätsbibliothek Frankfurt)

Melanie Baunemann

Röntgenfluoreszenzanalyse an einer Handschrift von Robert Fludd in der Universitätsbibliothek Frankfurt

Mit rund 3.000 Handschriften, darunter etwa 600 mittelalterliche Handschriften und zahlreiche frühneuzeitliche Manuskripte, zählt die Sammlung der UB Frankfurt zu den größten dieser Art in Deutschland. Zudem beheimatet sie eines von sechs sogenannten Handschriftenzentren, den zentralen Kompetenzzentren für Handschriftenerschließung und -digitalisierung. Die Bestände der Bibliothek stehen der Forschung offen – von der Erschließung über die Nutzung der Originale im Lesesaal und deren Digitalisierung bis hin zu interdisziplinären Forschungsprojekten.

 

Objekt Ms. lat. qu. 15 – Eine besondere Handschrift im Fokus

Nun rückte ein außergewöhnliches Objekt in den Fokus: die Handschrift Ms. lat. qu. 15, die dem englischen Arzt und Naturphilosophen Robert Fludd (1574-1637) zugeschrieben wird. Fludd ist bekannt für sein christlich-neuplatonisches Verständnis der Naturordnung, in dem sich Wissenschaft, Theologie und Kosmologie verbinden.

Die bisher von der Forschung wenig beachtete, reich bebilderte Handschrift diente als Vorlage für den Druck des Abschnitts De technica microcosmi historia in Fludds Hauptwerk Utriusque cosmi historia, der 1619 im berühmten Frankfurt-Oppenheimer Verlagshaus De Bry erschien. Besonders auffällig sind die aufwendig gestalteten, teils eingeklebten Federzeichnungen, die von Matthaeus Merian d. Ä. in Druckgraphiken umgesetzt wurden. Das Digitalisat der Handschrift ist in den Digitalen Sammlungen der UB online frei zugänglich.

Im Rahmen des DFG-geförderten Projekts „Die Materialisierung von Robert Fludds alchemischen und theosophischen Konzepten“ führte Dr. Ute Frietsch von der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel eine Röntgenfluoreszenzanalyse (RFA) an der Handschrift durch. Das Projekt untersucht, wie die Werke Fludds im Zusammenspiel von Autor, Künstlern, Handwerkern und Verlegern entstanden sind.

 

Was die Materialien verraten

Die Röntgenfluoreszenzanalyse (RFA) an Fludds Handschrift machte Informationen sichtbar, die mit bloßem Auge verborgen bleiben. Untersucht wurden unter anderem die Zusammensetzung der verwendeten Tinten, Unterschiede in den Papierqualitäten, Wasserzeichen sowie das Verhältnis von Text und eingefügten Zeichnungen. Ziel ist es, aus diesen materiellen Spuren Rückschlüsse auf die Entstehung der Druckvorlage sowie die beteiligten Akteure und deren Zusammenarbeit zu ziehen.

Die Messungen erfolgten besonders schonend: Das Analysegerät wurde über der Handschrift in einer Buchwiege positioniert, die Seiten behutsam angehoben und mit einem Papierstreifen fixiert. Jede der insgesamt 25 Messungen dauerte nur etwa 30 Sekunden, ohne direkten Druck auf das empfindliche Objekt.

Die Auswertung der Daten steht noch aus. Erwartet werden neue Erkenntnisse zum Beitrag der unterschiedlichen Hände – etwa bei Federzeichnungen, Verlagskorrekturen oder Ähnlichem – zur Entstehung der Handschrift. Diese Ergebnisse sollen dazu beitragen, die Produktionsprozesse frühneuzeitlicher wissenschaftlicher Werke genauer zu rekonstruieren.

 

Interdisziplinäre Forschung und offener Zugang

Das Projekt zeigt, welchen Mehrwert naturwissenschaftliche Verfahren für die Geisteswissenschaften haben können. Insbesondere materialanalytische Untersuchungen rücken zunehmend in den Fokus der Handschriftenforschung. Sie machen nachvollziehbar, wie Handschriften entstanden, benutzt und überliefert wurden.

Die UB Frankfurt begleitet diese Entwicklung, indem sie ihre Bestände gezielt für die Forschung öffnet und zugleich die Qualität sowie Zugänglichkeit ihrer (Meta-)Daten verbessert, etwa auch über das Handschriftenportal, dem zentralen Nachweissystem für Erschließungsdaten und Digitalisate zu europäischen Buchhandschriften in deutschen Sammlungen. Auf diese Weise werden historische Sammlungen nicht nur bewahrt, sondern im Original sowie digital als Ausgangspunkt für vertiefte wissenschaftliche Forschung zugänglich gemacht.

 

Melanie Baunemann
 

Objekt Ms. lat. qu. 15 unter dem Röntgenfluoreszenzanalyse-Gerät

Objekt Ms. lat. qu. 15 unter dem Röntgenfluoreszenzanalyse-Gerät

Melanie Baunemann