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„Afrika-Wissen“: Weg von den Stereotypen

Sammelband von Hans Peter Hahn und Sylvestre Kouakou verdeutlicht einseitige Perspektiven auf unseren Nachbarkontinent

Das Wissen der Deutschen über Afrika ist offenbar von Klischees und Vorurteilen geprägt, die zum Teil noch aus der Zeit des Kolonialismus stammen. Doch auch die heutige Berichterstattung trägt dazu bei, dass das Wissen über Afrika eher schrumpft als wächst. Wie sich die Situation genau darstellt, zeigt der Sammelband „Afrika-Wissen“ von Prof. Hans Peter Hahn und Sylvestre Kouakou. Mittels transdisziplinärer Medienanalysen legt das Buch offen, wie die Berichterstattung bestimmte Auffassungen perpetuiert.

FRANKFURT. Dass die Menschen hierzulande wenig über Afrika wissen, ist längst wissenschaftlich belegt. Aber warum ist das so? Woher das geringe Interesse? Und was sind die Folgen? 50 Jahre postkoloniale Marginalisierung eines ganzen Kontinents hätten ihre Spuren hinterlassen, sagt Prof. Hans Peter Hahn. Populärwissenschaftliche Bücher über die Region wie die des Journalisten Peter Scholl-Latour sieht er zudem in der Verantwortung für ein überkommenes Afrikabild – das Bild eines Kontinents, der von Krieg, Krisen und Katastrophen geprägt sei. „Die Fortdauer der Marginalisierung ist eine Fortsetzung der Kolonialisierung“, sagt Hahn.

Um die Problematik möglichst präzise darzustellen, hat er gemeinsam mit Sylvestre Kouakou den Sammelband „Afrika-Wissen“ herausgegeben. Wie viele andere afrikanischstämmige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wunderte sich auch Kouakou über das Afrikabild der Deutschen. Als Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung nahm er das Thema in seiner Dissertation ins Visier. Dabei kam ihm die Idee, die Situation in einem Sammelband von verschiedenen Seiten her zu beleuchten. Die Beiträge von Autoren aus dem gesamten deutschsprachigen Raum entstanden in Zusammenhang mit einem Workshop des Zentrums für interdisziplinäre Afrikaforschung (ZIAF) an der Goethe-Universität.

Buchcover Afrikawissen Transdisziplinäre Analysen zu Medien im deutschsprachigen Raum, Hans Peter Hahn, Sylvestre Kouakou (Hg.)

Das Dilemma der Journalistinnen und Journalisten

Auf 264 Seiten vereinigt der Sammelband „Afrika-Wissen“ Beiträge aus verschiedenen Disziplinen, die insbesondere gedruckte Medien in den Blick nehmen. Im ersten Teil geht es um die Defizite der journalistischen Berichterstattung über Afrika und deren Ursachen. Darunter sind drei Beiträge von Journalisten, die über Afrika berichten oder berichtet haben, etwa der bekannte Fernsehjournalist Stefan Ehlert. Sie geben Einblicke in die Arbeitssituation von Journalisten, die in immer geringerer Zahl aus Afrika berichten, in die wirtschaftlichen und thematischen Einschränkungen, denen sie unterliegen. Viele Journalisten befinden sich offenbar in einem Dilemma zwischen eigenem ethischem Anspruch und äußeren Anforderungen. Eine statistische Auswertung deutscher Medien zu Häufigkeit und Art der Berichterstattung ist ernüchternd. Der zweite Teil enthält mehrere Fallstudien zur Frage, welche teils fatalen Konsequenzen das mangelnde Wissen über Afrika hat: Fehleinschätzungen und Vorurteile über die Länder und Kulturen Afrikas, aber auch über die vermeintlich überlegene europäische Kultur. Da wenig über den Alltag in Afrika berichtet wird, werden eher die Unterschiede zwischen Europäern und Afrikanern betont als die Gemeinsamkeiten. Interessant auch eine Analyse der Berichterstattung des SPIEGEL über afrikanische Migranten: Obwohl weit weniger Migranten aus Afrika kommen als aus anderen Ländern, wird über sie deutlich mehr berichtet. Vorherrschend sind dabei die Berichte über Probleme und Gefahren, Erfolgsgeschichten sind selten. Mit dem dritten Teil erhält der Sammelband historische Tiefe. Dabei zeigt das Beispiel des Kunsthistorikers Carl Einstein, dass es auch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits Menschen gab, die die westliche Ignoranz gegenüber Afrika kritisiert haben. Ein Negativbeispiel ist indes der Großwildjäger und Reisebuchautor Hans Schomburgk, der Afrika als Folie für die Selbstinszenierung nutzte und Afrika auf seine Naturschönheiten reduzierte.

Doch Hahn beobachtet anhand der Beiträge auch positive Entwicklungen in jüngerer Zeit: So sei zum Beispiel im Spielfilm ein allmähliches Umdenken zu beobachten, Afrika und seine Menschen würden differenzierter und realitätsnäher dargestellt. Letztlich habe die einseitige Darstellung als benachteiligt und unselbständig handfeste Folgen für die Wirtschaft des Landes. Mehr positive Informationen, zum Beispiel über die Innovationskraft in der Solarbranche, würden vielleicht helfen, mehr seriöse Investoren anzuziehen.

Redaktion: Dr. Anke Sauter, Referentin für Wissenschaftskommunikation, Büro für PR & Kommunikation, Theodor-W.-Adorno-Platz 1, 60323 Frankfurt am Main, Telefon 069 798-13066, E-Mail sauter@pvw.uni-frankfurt.de