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Was geht jenseits der Professur an der Uni?

Ein Werkstattbericht beleuchtet die Weiterentwicklung akademischer Karrierewege an Universitäten in Deutschland.

Wie kann eine wissenschaftliche Karriere jenseits der Professur gelingen, was sind die Hürden auf dem Weg dahin? Diese Frage gewinnt zunehmend an Bedeutung. Interessant ist dabei: Wie entwickeln Universitäten bereits alternative Karrierewege, welche Herausforderungen meistern sie dabei? Im Jahre 2024 wurden, initiiert vom Tenure-Track-Netzwerk UniWinD, insgesamt acht Interviews mit elf Akteur*innen geführt, die an ihren Universitäten die Entwicklung und Implementierung der Konzepte voranbringen. Dr. Nicole Thaller, Referentin an der Goethe-Universität, ist Mitglied des Netzwerkes und Mitherausgeberin des Berichts.  Nach welchen Kriterien wurden die beteiligten Unis ausgesucht? „Die interviewten Universitäten wurden ausgewählt, weil sie bereits aktiv neue Modelle entwickeln und erproben sowie unterschiedliche Hochschultypen in Größe, Alter und regionaler Verteilung über verschiedene Bundesländer vertreten. Ziel war es, aus konkreten institutionellen Erfahrungen (‚Werkstattarbeit‘) von Universitäten, die sich bereits mit neuen Personal- und Karrierestrukturen beschäftigen, zu lernen und daraus übertragbare Erkenntnisse für andere Hochschulen abzuleiten und sichtbar zu machen“, erläutert Nicole Thaller.

Ein deutscher Sonderweg?

In der Einleitung stellen die Herausgeber*innen fest, dass das deutsche Wissenschaftssystem durch (mehrere) befristete Phasen der akademischen Qualifikation als Vorbereitung auf eine Professur als primäres Karriereziel geprägt ist: Wenn das ein „Sonderweg“ sein sollte – gibt es in anderen Ländern mehr unbefristete Stellen? „Ja, häufig wird tatsächlich argumentiert, dass Deutschland im internationalen Vergleich einen ‚Sonder-weg‘ hat“, erklärt Nicole Thaller: viele Jahre befristeter Qualifikationsstellen – Promotion, Postdoc und eine weitere Postdoc-Phase – mit der Professur als nahezu einziger dauerhafter Position. In vielen anderen Wissenschaftssystemen gibt es dagegen mehr unbefristete oder zumindest früh entfristete Stellen unterhalb der Professur, so Thaller – etwa Lecturer, Research Scientist oder Assistant Professor auf Tenure Track. Dadurch können Early Career Researchers einen wissenschaftlichen Karriereweg einschlagen, ohne dass die Professur die einzige dauerhafte Option ist. Für die Mehrheit der Postdocs ist die Professur gemäß Wissenschaftsbarometer 2023 jedoch nicht mehr das primäre Karriereziel. Wenn aber nach wie vor die Professur als einzige wirkliche Karriereoption sich anbietet, bleibt das eine Zwickmühle? Oder droht weiterhin ein Brain Drain, wenn die Leute das Wissenschaftssystem sogar ganz verlassen? „Viele Postdocs wollen zwar langfristig in der Wissenschaft bleiben, aber nicht unbedingt Professor*in werden“, sagt Nicole Thaller. Deutschland bietet oft nur die Professur als stabile Dauerstelle, damit kann ein Mis-match zwischen individuellen Karrierezielen und institutionellen Strukturen entstehen. Daher können Wissenschaftler*innen in frühen Berufsphasen in eine Zwickmühle geraten. „Einige verlassen die Wissenschaft ganz, andere wechseln ins Ausland oder in die Industrie. Erste Reformen wie Tenure-Track-Programme sollen helfen, das Problem abzumildern, aber strukturelle Veränderungen dauern noch.“ An den beteiligten Universitäten wurde, das zeigt der Werkstattbericht deutlich, eine breite Beteiligung als bedeutend bezeichnet – inwiefern kann partizipative Beteiligung auch eine gewisse Langwierigkeit nach sich ziehen? „Partizipation wird als wichtig angesehen, da sie zumeist die Legitimität und Akzeptanz von Reformen erhöht, kann jedoch Prozesse verlängern. Verschiedene Statusgruppen – Professor*innen, wissenschaftlicher Mittelbau, Administration, Studierende etc. – haben teilweise divergierende Interessen, und Entscheidungen laufen oft durch mehrere Gremien. Wenn all diese Gruppen beteiligt werden, müssen Kompromisse ausgehandelt werden, was konsensorientierte Entscheidungsprozesse verlängern kann“, erklärt Nicole Thaller.  „Die Länge der Diskussionen wird demnach als eine Folge der Einbindung betrachtet, zugleich kann sie qualitativ besser auf die jeweilige Institution zugeschnittene Ergebnisse befördern und die Nachhaltigkeit der Ergebnisse stärken.“

Various Action Fields

The challenges and obstacles in developing alternative career paths are varied. One key area involves the legal framework. In Germany, laws such as the Fixed-Term Academic Contracts Act (Wissenschaftszeitvertragsgesetz) and the respective state higher education laws play a significant role. They define the conditions under which academic staff can be employed on a fixed-term or permanent basis. “If universities want to develop new career paths beyond professorships, these models need to align with existing labor and civil service regulations. As several interviewees pointed out, this can be quite challenging when designing new job profiles,” Thaller emphasizes.

A second aspect concerns capacity-related issues, with staffing structures at German universities tied to the calculation of student capacity. “If universities introduce new job profiles – positions that are more research-oriented or more teaching-oriented, for instance, – this can impact the level of institutional teaching and student capacity. Such effects should be considered during the planning process,” she advises. Financial conditions also play a crucial role. Interviews conducted for the workshop report identified the limited baseline funding of universities as a challenge, which is often subject to fluctuations, and also pointed to the current budget cuts in many federal states. Permanent positions, in turn, represent a long-term commitment within the university budget, which can curtail institutional flexibility. “Many universities therefore rely heavily on fixed-term external funding to finance postdoc positions, many of which are temporary as a result, too. Adjustments to the usage guidelines for external funding could provide universities with greater flexibility in this regard,” Thaller notes.

Finally, differences in disciplinary culture are another important factor. Structures and workflows vary significantly between disciplines, which helps explain why new career paths do not automatically work equally well across all fields and often need to be adapted to the specific context. “The further development of academic career paths is therefore not just a matter of good concepts but should also be aligned with the respective framework conditions.”

Kulturwandel vonnöten?

Was als übergreifende Herausforderung im Werkstattbericht immer wieder auftaucht, ist ein gewisser „Kulturwandel“ an den Hochschulen, der vonnöten zu sein scheint: Wie weit ist man da bereits vorangekommen? Kann „Kulturwandel“ umgekehrt auch bedeuten, dass die Ansprüche und Erwartungen der Early Career Researchers nicht ins Unermessliche wachsen dürfen und immer auch mit Blick auf wirtschaftliche Entwicklungen und gedeckelte Budgets der Hochschulen formuliert werden sollten?  „Der im Werkstattbericht angesprochene ‚Kulturwandel‘ meint vor allem eine Veränderung der traditionellen Logik akademischer Karrieren an deutschen Universitäten. Gemeint ist  damit nicht nur eine strukturelle Reform (z. B. neue Stellentypen), sondern auch ein verändertes Verständnis von Karriere, Leistung und Personalentwicklung“, erklärt Thaller.

Einige Entwicklungen, so auch eine Erkenntnis des Werkstattberichts, zeigen sich bereits. Beispielsweise greifen Tenure-Track-Programme das Thema planbarerer Karrierewege auf. Universitäten diskutieren alternative Karrierepfade wie Researcher-, Lecturer- oder Science-Management-Tracks. Themen wie wissenschaftliche Personalentwicklung, Angebote wie Mentoring oder Coaching werden stärker institutionell verankert. Nicole Thaller betont in diesem Zusammenhang: „Gleichzeitig sollten Erwartungen realistisch bleiben: Unsere Interviewpartner*innen stellten fest, dass Reformen Zeit brauchen, Budgets begrenzt sind und nicht jede*r Wissenschaftler*in eine Dauerstelle erhalten könne. Ein erfolgreicher Kulturwandel bedeutet daher ein ausgewogenes Zusammenspiel von institutionellen Möglichkeiten und Erwartungen der Early Career Researchers.“

 

Dirk Frank