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Auch mit 90 noch als Diatomeenforscher aktiv

Der Biologe Horst Lange-Bertalot hat sich der Erforschung der Kieselalge verschrieben. Der international bekannte Wissenschaftler ist im Februar 90 geworden.

Horst Lange-Bertalot, geboren am 26. Februar 1936 in Danzig, begann seine erfolgreiche Diatomeenforschung 1974 als Professor am Botanischen Institut der Goethe-Universität. Über 50 Jahre danach ist er immer noch aktiv, weltweit bekannt und hochgeschätzt als führender Diatomeenforscher.

Kieselalgen (Diatomeen) sind einzellige grüne Algen, besitzen aber im Gegensatz zu allen anderen Algengruppen ein aus Kieselsäure bestehendes artspezifisch geformtes Innenskelett. Um zu erkennen, um welche Art es sich handelt oder ob es eine bisher unbekannte ist, muss man dies Skelett isolieren, d. h. alle anderen Zellbestandteile zerstören, was durch Kochen in verdünnter Salz- und Schwefelsäure geschieht. Anschließend erfolgt die Artbestimmung bei 1000- bis 1200-facher Vergrößerung unter dem Lichtmikroskop. Hilfreich sind zusätzliche rasterelektronische Fotos. Man bestimmt die Arten nicht nur aus Gründen der botanischen Systematik, sondern auch, weil sie Indikatoren der Gewässergüte sind. Diesbezüglich veröffentliche Lange-Bertalot 1979 die wegweisende Arbeit „Toleranzgrenzen und Populationsdynamik benthischer Diatomeen bei unterschiedlich starker Abwasserbelastung.“

Auf der Website diatoms.org findet man die Aussage: „Dr. Horst Lange-Bertalot is one of the most prolific contributors to the field of diatom taxonomy, with several hundred journal publications, books and edited volumes. He has described several hundred species and numerous genera. Originally trained as a botanist, Lange-Bertalot is a central figure of diatom research across the globe.”  Unterstützt wird diese Aussage durch sein imponierendes Schriftenverzeichnis. Waren es bei seiner Emeritierung bereits etwa 100 Publikationen in wissenschaftlichen Journalen (z.B. „Ecological Indicators“, „Limnologica“ und „Protist“), so sind es heute 142. Besonders beeindruckend ist die Zahl der von ihm allein beziehungsweise gemeinsam mit ein oder zwei Kollegen verfassten oder herausgegebenen, auf internationaler Ebene erschienenen Bücher. Deren Zahl beläuft sich inzwischen auf 31, von denen 13 nach seiner Pensionierung erschienen sind.

Fast noch beeindruckender ist die Zahl der von ihm neu beschriebenen Einheiten des botanischen Systems: Bereits während seiner Zeit als Professor an der Goethe-Universität waren es 32 Gattungen, 7 Untergattungen, 721 Arten, 15 Unterarten und 38 Varietäten. Seit seiner Pensionierung sind 17 Gattungen, 826 Arten und 22 Unterarten hinzugekommen, so dass es nun 2080 Taxa sind, die von ihm erkannt und benannt wurden. Zu den jüngsten der von ihm erkannten neuen Arten stammen fünf aus einem Gewässer im zur Stadt Münster gehörenden Ort Wolbeck, weshalb er eine dieser Arten nach Wolbeck benannt hat: Placoneis wolbeckien-sis sp. nov. Lange-Bertalot & Werum. Während sich die Entdeckung und Benennung neuer Kieselalgen-Arten normalerweise unbemerkt von der Öffentlichkeit vollzieht, wurde diese von den Westfälischen Nachrichten im Jahresrückblick als „Botanische Sensation“ bezeichnet.

Bei der anfänglich noch erforderlichen mühevollen Niederschrift der Texte mittels Schreibmaschine und deren Korrektur wurde er von seiner Ehefrau Renate tat-kräftig unterstützt, auf deren französische Herkunft der zweite Teil des Doppelnamens zurückgeht.

Bereits als Assistent deckte er in der Lehre am damaligen Botanischen Institut (heute Institut für Ökologie, Evolution und Diversität) den gesamten Bereich der niederen Pflanzen (Moose, Algen) und Pilze ab, leitete aber auch zahlreiche Exkursionen, bei denen das Kennenlernen von Samenpflanzen inklusive ihrer geografischen Verbreitung, Vergesellschaftung und Ökologie im Vordergrund standen. Offensichtlich fielen seine breiten Kenntnisse und sein didaktisches Geschick bereits deutschlandweit auf, ehe er in Frankfurt zum Professor ernannt wurde: 1971 erhielt er einen Ruf an die neugegründete Universität Kassel auf die Professur für Botanik und 1972 an die Universität Koblenz auf die Professur für Biologie und ihre Didaktik, entschied sich jedoch wegen der besseren Forschungsbedingungen zum Glück für den Verbleib an der Goethe-Universität, wo er sich in der Lehre weiterhin den oben genannten Bereichen widmete.

1998 wurde ihm von Rektor und Senat der Universität Gdansk/Danzig in einem Festakt der Ehrendoktortitel verliehen. Außerdem wurden inzwischen 32 Kieselalgentaxa von zahlreichen Kollegen und Kolleginnen (D. Metzeltin, E. Reichardt, J.P. Kociolek, Z. Levkov K. Krammer, B. Van de Vijver, M. Cantonati, L. Ector) nach ihm benannt, z.B. Caloneis langebertalotioides und Fallacia lange-bertalotii, womit sein Lebenswerk ein unumstößliches Denkmal erhalten hat.

Rüdiger Wittig war bis 2013 Professor für Ökologie und Geobotanik am Botanischen Institut der Goethe-Universität.