
Dr. Moritz Verdenhalven hat die Sammlung der Frankfurter Nervenklinik auf ihre Entstehungsgeschichte hin untersucht.
Zum Teil seit vielen Jahrzehnten befinden sich in der Sammlung der Frankfurter Nervenklinik im Uniklinikum auch medizinische Präparate mit menschlichem Gewebe. Kaum jemand hat sich für diese „Human Remains“ interessiert. Verborgen und vergessen – oder bewusst verdrängt? Dr. Moritz Verdenhalven hat sie nun in einem dreijährigen Projekt untersucht. Mit Mitteln der Universitätsleitung und der Uniklinik hat er versucht, die Herkunft der Sammlung mit menschlichen Präparaten offenzulegen. Im Rahmen eines Vortrags hat Verdenhalven über seine Vorgehensweise und die Ergebnisse berichtet.
Eine Etage unterhalb des Hörsaals mit den rund 50 Zuhörern befindet sich der Raum, dem sich Moritz Verdenhalven in seinen historischen Recherchen gewidmet hat. Regale stehen darin, gefüllt mit Gläsern und Kartons, darin Präparate aus der Zeit von 1920 bis in die 1970er Jahre. Lange führten der Raum und sein Inhalt ein Dasein im Verborgenen. Frühere Versuche, die Geschichte der Sammlung zu erforschen, seien nie von Erfolg gekrönt gewesen, erzählte Prof. Andreas Reif, Leiter der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, in seiner Begrüßung. Als der Psychiater Moritz Verdenhalven mit seinem historischen Interesse an die Uniklinik kam, ging er die Aufgabe mit „viel Engagement und Sorgfalt “ an, so Reif.
Schon die sprachliche Annäherung an den „Gegenstand“ seiner Forschung ist schwierig und bleibt immer ein Balanceakt, verdeutlichte Verdenhalven zu Beginn. Das Sprechen von „Lehrmitteln“, von „Präparaten“, und „Objekten“ sei eine sprachliche Verkürzung; gerade angesichts der durch eine entmenschlichende Sprache verschleierten Morde der NS-Zeit müsse man sich dessen bewusst sein. Mit dem altgriechischen Begriff „Euthanasie“, der wörtlich „guter Tod“ bedeutet, bezeichneten die Nationalsozialisten den systematischen Mord durch Ärzte. Ein Ziel der Arbeit Verdenhalvens war es daher auch, die Menschen hinter den Präparaten wieder sichtbar zu machen, ihnen möglichst ihre Namen zurückzugeben.
Die Sammlung besteht aus rund 9000 Präparaten von mehr als 2000 Verstorbenen, sie stammen aus der Zeit zwischen 1920 und 1970. Es handelt sich um Trocken- und Feuchtpräparate in unterschiedlichem Erhaltungszustand, vor allem Schnitte von für Neurologie und Neuropathologie für wichtig gehaltenen Organen. Er habe sich – der Zielrichtung des Projekts entsprechend – auf die Zeit von 1939 bis 1945 konzentriert, so Verdenhalven. Aus dieser Zeit stammt nur ein kleinerer Teil der Sammlung, Präparate von insgesamt 218 Verstorbenen. Für die Provenienzforschung standen Karteikarten mit Informationen zu Ort, Jahr und Ursache des Todes zur Verfügung sowie – lückenhaft – Sektions- und Aufnahmebücher.
Laut allgemeinem Forschungsstand sind insgesamt rund 300.000 Menschen in der NS-Zeit Opfer der sogenannten „Euthanasie“ geworden. Wegen einer psychischen Erkrankung oder Behinderung galten sie den Nationalsozialisten als „unwertes Leben“. Nicht alle Todesfälle gehen auf eine gezielte Mordtat zurück; viele Menschen starben auch in Folge absichtlicher Verknappung von Nahrung und an den Folgen von Vernachlässigung, was Verdenhalven als „systemisches Morden“ bezeichnet.
Wie aber sah die Situation in Frankfurt aus? Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, war Karl Kleist (1879–1960) bereits seit 13 Jahren als Klinikleiter im Amt, ein in seinen Ansichten gefestigter und ganzheitlich orientierter Nervenarzt, der die Klinik bis in die 1950er Jahre maßgeblich geprägt hat – so Moritz Verdenhalven. Die Sammlung beginnt quasi mit seiner Amtszeit. Aber wie war Kleists Haltung zum Nationalsozialismus und zum menschenverachtenden „Euthanasie“-Programm? Überliefert ist, dass Kleist nach dem Besuch einer Heilanstalt 1938 das auf tödliche Folgen abzielende Sparprogramm kritisiert hat. 1943 hat er sich gegenüber dem Städtischen Gesundheitsamt kritisch zu den schlechten Lebensumständen der Patienten geäußert. Und im Hadamar-Prozess 1947 hat er das Konzept lebensunwerten Lebens klar abgelehnt, was selbst nach dem Krieg nicht bei allen Angehörigen der Zunft der Fall war.
Dem gegenüber steht die Tatsache, dass die Universitätskliniken Patienten in großer Zahl an die Heilanstalten überwiesen, im Fall von Frankfurt waren es 1200 Personen. Zwar geschahen an der Universitätsklinik selbst einer früheren wissenschaftlichen Studie zufolge wohl keine Morde. Aber es war durchaus klar, dass in den Anstalten bewusst gemordet wurde. Dies hielt die Verantwortlichen nicht davon ab, Menschen dorthin zu überweisen – und nach deren Tod an ihren Organen zu forschen. In der Zeit von 1933 bis 1935 stieg die Zahl der aus den Heilanstalten angelieferten Organe deutlich an, um nach 1939 – wohl wegen Personalknappheit aufgrund des Krieges – wieder zu sinken. Ein erschreckender Umstand: Bei der Überweisung wurde der Patientenakte ein Vordruck beigegeben mit dem Hinweis, im Todesfall sei das Gehirn an die Uniklinik zu überstellen. Morde wurden so mit Forschungsbedarf gerechtfertigt.
Von den 218 Menschen, deren Organe zwischen 1933 und 1945 präpariert wurden und in der Sammlung der Nervenklinik erhalten sind, sind allerdings die weitaus meisten an der Uniklinik verstorben, von sieben ist gesichert, dass sie in einer Heilanstalt starben, bei 54 ist der Sterbeort ungeklärt. Auch zwei Soldaten mit unbekannter Todesursache sind darunter, einer davon verstarb im Lazarett im Bürgerspital, beim anderen ist der Sterbeort unbekannt. „Bei den in Heilanstalten Verstorbenen kann man davon ausgehen, dass sie nicht auf natürliche Weise gestorben sind“, sagt Verdenhalven, der sich in seiner Forschung auch eingehend mit den Abläufen in diesen Einrichtungen beschäftigt hat.
Bleibt die Frage nach der Zukunft der menschlichen Überreste. In der aktuellen medizinischen Forschung oder Lehre finden sie keinen Einsatz, erklärt Verdenhalven. Sie sind vor allem von wissenschaftshistorischem, dokumentarischem Wert und legen Zeugnis ab über medizinische NS-Unrechtskontexte. Aufbewahrt werden alle Präparate der NS-Zeit, deren Provenienz aktuell noch nicht geklärt werden konnte. Das eigentliche Ziel ist eine würdige Bestattung, aber dazu fehlen Informationen: Name, Herkunft, Konfession, eventuelle Angehörige.
Dass man die Präparate nicht einfach ohne Kenntnis ihrer Provenienz bestatten kann, ist für Verdenhalven auch eine Lehre aus der Vergangenheit: Zu Beginn der 1990er Jahre entstand in der Bundesrepublik der Konsens, dass menschliche Präparate aus der NS-Zeit möglichst umgehend aus Sammlungen entfernt und bestattet werden müssten – auch, um sie nicht länger öffentlich zur Schau zu stellen oder Anlass zu öffentlicher Auseinandersetzung zu geben. Dies würde man heute nicht mehr tun, denn so nehme man sich die Möglichkeit, die Provenienz zu klären und den Menschen ihre Namen wiederzugeben, erläutert Verdenhalven. Damals wurden auch Präparate beigesetzt, die ursprünglich zur Sammlung der Nervenklinik gehört hatten, nach dem Krieg aber ans neuropathologische Institut der Universität, das Edinger-Institut, überstellt worden waren.
Bezüglich der eindeutig gelagerten Fälle gibt es bereits Gespräche mit der Friedhofsverwaltung, welche Form der Bestattung geeignet sei, um der Opfer zu gedenken. Die sieben eindeutig als NS-Opfer zu identifizierenden Personen sollen als solche nicht vergessen werden, fordert Verdenhalven. Über die Form des Gedenkens, zum Beispiel durch eine Tafel auf dem Campus Niederrad, müsse noch entschieden werden. Verdenhalvens Resümee nach drei Jahren Forschung? „Das Projekt ist beendet, aber viele Fragen bleiben offen.“
Anke Sauter