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Studentische Perspektiven auf den Campus

Die Ausstellung „Campus Realities“ wurde von den am Kunstprojekt Beteiligten im Beisein von Vizepräsidentin Prof. Viera Pirker, Dekan Hans Peter Hahn und Prof. Catherine Whittaker, geschäftsführende Direktorin des Instituts für Ethnologie, eröffnet.

Anke Sauter

Die Ausstellung „Campus Realities“ wurde von den am Kunstprojekt Beteiligten im Beisein von Vizepräsidentin Prof. Viera Pirker, Dekan Hans Peter Hahn und Prof. Catherine Whittaker, geschäftsführende Direktorin des Instituts für Ethnologie, eröffnet.

 

Das Kunstprojekt „Campus Realities“ macht studentische Erfahrungen an der Goethe-Universität sichtbar und erlebbar. Im Fokus steht dabei die Suche nach Zugehörigkeit. 

Wer aktuell den Campus Westend vom Casino Richtung PEG-Gebäude durchquert, wundert sich vielleicht über ungewöhnlichen Baumschmuck: Auf großen Bannern weht einem die Aufforderung entgegen „Setz dich neben jemanden“ oder die Frage „Wie dokumentiert man Stille?“. Die Banner sind, ebenso wie der mit Stoffbahnen behängte Holzpavillon auf der Wiese vor dem PEG-Gebäude, Teil eines Kunstprojekts, an dem Studierende der Goethe-Universität seit dem Wintersemester 2025/26 gearbeitet haben. Mit Unterstützung von Ronja Metzger-Ajah und Judit Tavakoli vom Institut für Ethnologie sowie den Künstlerinnen Sina Ahlers und Ingrid Strohkark haben sie mittels ethnographischer und künstlerischer Methoden ihre eigenen Alltagserfahrungen sowie die von Mitstudierenden dokumentiert.

Dabei haben die Projektteilnehmenden verschiedene künstlerische Techniken in Bild und Text erprobt. Methoden der Theaterpädagogik kamen ebenso zum Einsatz wie Schreibübungen und künstlerisch-experimentelle Audio-Aufnahmen oder Elemente der Performance-Kunst wie die „Scores“ – mögliche und unmögliche Handlungsaufforderungen, die ausgeführt werden oder auch für sich als Text stehen können. Kombiniert wurde der künstlerische Übersetzungsprozess mit Ansätzen aus der sozialanthropologischen Forschung, in der Perspektivwechsel und die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Lebensrealitäten eine zentrale Rolle spielen. Das Ergebnis ist eine vielstimmige Dokumentation studentischer Erfahrungen, eingefangen in Installationen, Audio- und Filmsequenzen sowie Grafik- und Textarbeiten.

Betritt man den Holzpavillon auf der Grünfläche vor dem PEG, das Herzstück der Ausstellung, und setzt sich den Audioguide auf, taucht man sofort in die studentische Erfahrungswelt ein. Hörbar und sichtbar werden marginalisierte Stimmen mit ihren spezifischen Erfahrungen von Diskriminierung, fehlender Barrierefreiheit oder Mehrfachbelastung durch Carearbeit. Aber es kommen auch Themen vor, mit denen sich wohl viele Studierende unabhängig von äußeren Rahmenbedingungen identifizieren können: die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, die Unsicherheit, die einen befallen kann, wenn man einen Raum voller Menschen betritt, die Angst, vor einer großen Gruppe zu sprechen, oder das Gefühl, die einzige Person im Seminar zu sein, die den Fachbegriff nicht kennt.

Ein roter Faden aller Beiträge ist der Wunsch nach einem Ort, an dem man sich sicher und zugehörig fühlt. Da wird ein Stein zum Sehnsuchtsort, weil er als idealer Platz erscheint, um die Sonne zu genießen, weshalb er auch immer besetzt ist. Auch die Aufforderung der Stimme im Ohr, sich in eine der Gänse zu verwandeln, die die Wiese rund um das Wasserbecken am Campus Westend bewohnen, irritiert nur kurz.  Sie ist eine der „Scores“, die zum Perspektivwechsel einladen, und hinterfragt auf spielerische Weise, wer sich als selbstverständlicher Teil des universitären Raums fühlt und wer das Gefühl hat, sich diesen Platz erst erkämpfen zu müssen.

Ein echter Blickfang auf dem Campus Westend: Der mit Stoffbahnen behängte Holzpavillon auf der Wiese vor PEG- und PA-Gebäude.

Ein echter Blickfang auf dem Campus Westend: Der mit Stoffbahnen behängte Holzpavillon auf der Wiese vor PEG- und PA-Gebäude.

Anke Sauter

Prof. Viera Pirker, Vizepräsidentin für Lehre, zeigte sich beeindruckt von der umfangreichen wissenschaftlichen Recherche und der künstlerischen Darstellung der Ergebnisse. Die Ausstellung sei eine Einladung, den Campus mit anderen Augen zu sehen. Die Universität sei ein sozialer Raum, der auch Machtverhältnisse abbilde. Das Selbstbild als weltoffene Hochschule werde durch die Ausstellung durchaus irritiert. Ob die Uni Abbild oder Vorbild der Gesellschaft sei, diese Frage stelle man sich häufig, so Prof. Hans Peter Hahn Dekan des Fachbereichs 08. Um ein Modell für die Gesellschaft sein zu können, müsse man die richtigen Fragen stellen. Hahn lobte den Perspektivenwechsel, der essenziell für die Ethnologie sei. Der prominente Standort der Ausstellung sei der richtige Ort, um eine universitäre Öffentlichkeit herzustellen. 

Bei der Eröffnung fühlte sich Teilnehmer oder Teilnehmerin an die eigene Studienzeit erinnert – nicht nur im Positiven. „Ontologische Dichotomie“, „Dialektik“, „epistemische Differenz“: Wie Bälle warfen sich die Studierenden schwer verständliche Begriffe zu, die manch Erstsemester den Start erschweren mögen, indem sie ein Gefühl des Ausgeschlossenseins vermitteln. Die zentrale Botschaft des Projekts lautet wohl: Du bist nicht allein. Trau dich, sichtbar zu werden – mit all deinen vermeintlichen Schwächen und Zweifeln. So schaffen die Studierenden mit ihrem Kunstprojekt letztlich selbst den sicheren Ort, den sie sich wünschen: einen Ort, an dem alle so sein können, wie sie sein möchten – und sich trotzdem nicht ausgeschlossen fühlen.

 

Larissa Wegner / Anke Sauter

„Was suchst Du hier und was findest Du?“: Auf dem Campus verteilt laden Transparente zur Reflexion ein. Dieses wurde bewusst in der Nähe des Kunstwerks „Haus der Winde“ von Bruno Feger platziert, das an die erste Alzheimer-Patientin Auguste Deter erinnert.

„Was suchst Du hier und was findest Du?“: Auf dem Campus laden Transparente zur Reflexion ein. Dieses wurde bewusst in der Nähe des Kunstwerks „Haus der Winde“ von Bruno Feger platziert, das an die erste Alzheimer-Patientin Auguste Deter erinnert.

Anke Sauter